Vor dem ersten Spieltag wurde Hertha BSC bestenfalls als Mitfavorit gehandelt, hinter Wolfsburg, Hannover, St. Pauli und Heidenheim. Sechs Spieltage später steht die Alte Dame bei sechs Siegen, 18 Punkten und 17:7 Toren an der Tabellenspitze der 2. Bundesliga – der beste Saisonstart der 59-jährigen Profigeschichte des Klubs. Ob daraus wirklich eine breite Verschiebung der Aufstiegswetten geworden ist, wie es mehrere Wettportale zuletzt beschrieben, lässt sich klarer an den sportlichen Fakten ablesen als an unbestätigten Quotenbewegungen.
Ein solcher Zweitliga-Start gelang zuvor nur zwei Teams: Bayer 04 Leverkusen 1978/79 und Hannover 96 1986/87. Beide standen nach sechs Spieltagen sogar mit der etwas besseren Tordifferenz da – und beide stiegen am Saisonende als Meister auf. Hertha hat unterdessen schon zweimal einen Rückstand gedreht, in Braunschweig sogar einen Zwei-Tore-Rückstand, und dabei insgesamt sechs Punkte aus der Rückstands-Situation geholt.
Warum der Start mehr ist als eine kurze Serie
Die 17 erzielten Treffer sind nicht nur Ligabestwert, sondern ein neuer Vereinsrekord nach sechs Spieltagen im Profifußball. Zum Vergleich: Zur gleichen Zeit hatte Hertha in der Vorsaison gerade einmal vier Tore erzielt. Sechs Treffer gelangen bereits von außerhalb des Strafraums, doppelt so viele wie in der kompletten Vorsaison – beim 2:1 in Dresden erzielte Jón Dagur Thorsteinsson beide Tore aus der Distanz.

Dazu kommt das Umschaltspiel: Vier Kontertore sind aktueller Bestwert der 2. Bundesliga. Defensiv steht Hertha ebenfalls stabil, von sieben Gegentoren fielen drei nach Standards, nur vier aus dem laufenden Spiel heraus – ligaweit wurde nur Verfolger Nürnberg noch seltener aus dem Spiel heraus überwunden.
Die historischen Vergleichsfälle – und ihre Grenzen
Nach Tordifferenz liegt Hertha aktuell auf Rang drei der besten Zweitliga-Starts überhaupt. Leverkusen baute seine Serie 1978/79 auf neun Siege aus, Hannover gewann 1986/87 sogar die ersten acht Partien. Auch Kickers Offenbach schaffte 1976/77 und 1982/83 sechs Spiele ohne Niederlage und umgerechnet 16 Punkte – ihr Saisonausgang bleibt in der Rückschau unerwähnt, während Leverkusen und Hannover am Ende tatsächlich aufstiegen.
Genau das ist der Punkt: Zwei von vier historischen Blaupausen mündeten in Meisterschaft und Aufstieg, bei den anderen beiden fehlt der Beleg. Ob Stefan Leitls Mannschaft dem Muster von Leverkusen und Hannover folgt, entscheidet sich erst in den kommenden Monaten – nicht nach sechs Spieltagen.
Keine leichte Kulisse
Der Spielplan relativiert den Lauf nicht. Mit Heidenheim und Magdeburg bezwang Hertha zwei aktuelle Top-Sechs-Teams, dazu kamen anspruchsvolle Auswärtssiege in Bochum, Braunschweig, Osnabrück und Dresden. Zwei Unterzahlsituationen wurden ebenfalls überstanden. Aktuell weist kein anderer Zweitligist aus Deutschland, England, Spanien, Italien oder Frankreich noch eine makellose Bilanz auf – das ist die eigentliche Schlagzeile, nicht die Tordifferenz allein.
Was das für Aufstiegswetten bedeutet
Laut einer Auswertung von SPORT1 lag Herthas Titelquote bei Tipico vor Saisonbeginn noch bei 8,00, das Portal wettfreunde.net beziffert vorsaisonale Aufstiegsquoten für Konkurrenten wie Wolfsburg auf rund 1,44, für Hannover auf etwa 3,50 und für St. Pauli sowie Heidenheim auf ungefähr 4,33. Dieselben Quellen berichten, dass die Aufstiegsquote auf Hertha inzwischen bei mehreren Buchmachern auf ein Niveau zwischen 1,35 und 1,55 gefallen sein soll. Eine flächendeckende, tagesaktuelle Bestätigung dieser Bewegung über alle großen Anbieter liegt bislang nicht vor, weshalb sich aus den historischen Vergleichsfällen eine frühe Tabellenführung ableiten lässt, aber keine gesicherte Quotenprognose.
Wer den Vorlauf zu dieser Serie verfolgt hat, kennt bereits die Diskussion um die Aufstiegsfavoriten der 2. Bundesliga aus den ersten Spieltagen – Hertha tauchte darin noch nicht als klarer Spitzenreiter auf.
Dennis Buchbauer meint
Sechs aus sechs ist ein Fakt, keine Prognose. Ich sehe zwei von zwei belegten Vergleichsfällen, die am Ende aufgestiegen sind – das ist eine ordentliche Trefferquote, aber keine Stichprobe, auf die ich mein Geld setze. Die Buchmacher haben die Quote laut den Portalen von 8,00 auf unter 1,55 zusammengestrichen, bevor ich eine einzige davon selbst mit Zeitstempel und Anbieter gegengecheckt habe – auf so einer Basis platziere ich keine Zahl.
Was mich überzeugt: die Auswärtsbilanz in Bochum, Braunschweig, Osnabrück und Dresden, dazu Siege gegen Heidenheim und Magdeburg. Das ist kein Soft-Schedule-Lauf. Trotzdem warte ich lieber auf den ersten echten Rückschlag, bevor ich auf den Aufstiegsmarkt gehe – Leverkusen und Hannover haben ihre Serie nach Spieltag sechs sogar noch ausgebaut, Hertha muss diesen Beweis erst noch liefern.