Kurz vor Mitternacht Ortszeit stand Novak Djokovic gebeugt an der Grundlinie, die Hände auf den Knien, und im Stadion ahnten sie längst, was gleich passieren würde. Vier Stunden und 36 Minuten nach dem ersten Aufschlag war die längste Serie im Herrentennis Geschichte: Der 39-Jährige verlor sein Auftaktmatch bei den US Open gegen den Argentinier Mariano Navone mit 6:7 (5), 7:5, 6:4, 2:6, 1:6 – und scheiterte damit zum ersten Mal in seiner Karriere in New York in der ersten Runde.
Das ist kein gewöhnliches Erstrunden-Aus. Djokovic war bei den US Open in Runde eins 19 Spiele lang ungeschlagen, Bilanz makellos. Bei Grand Slams insgesamt hatte er 78 Auftaktmatches in Folge gewonnen – die längste Serie dieser Art, die ein Mann in der Open Era zustande gebracht hat. Beides ist an diesem Sonntagabend in Flushing Meadows zerbrochen, und zwar nicht an einem Topgesetzten, sondern an einem Außenseiter, der zuvor in seiner gesamten Karriere noch kein einziges Fünfsatzmatch gewonnen hatte.
Wer Djokovic in Runde eins gewettet hat, hat jahrelang Geld verdient – 78 Mal in Serie ging das gut. Genau deshalb war die Quote irgendwann so klein, dass niemand mehr hingeschaut hat. Gestern Abend hat der Markt gelernt, was so eine Serie wirklich wert ist: nichts, wenn der Körper nicht mitspielt.

Zwei Sätze Führung – und dann kippt alles
Das eigentlich Brutale an diesem Abend: Djokovic war auf dem Weg zum Sieg. Den ersten Satz gab er im Tiebreak knapp ab, dann drehte er die Partie. 7:5 im zweiten Durchgang, 6:4 im dritten – der Serbe führte mit 2:1 nach Sätzen und hatte das Match dort, wo er es über zwei Jahrzehnte am liebsten hatte: in der Länge, in der Zermürbung, in dem Bereich, in dem sonst immer der andere zuerst einbricht.
Diesmal brach er selbst ein. Der vierte Satz ging mit 2:6 verloren, der fünfte mit 1:6. In den letzten beiden Durchgängen holte Djokovic ganze drei Spiele. Am Ende der Partie standen 70 unerzwungene Fehler in seiner Statistik – eine Zahl, die bei einem Spieler seines Kalibers normalerweise nur nach einer kompletten Zerfaserung zustande kommt. Er suchte kaum den Kontakt zum Publikum, kein Aufbäumen, keine der Gesten, mit denen er in New York früher ganze Nächte gedreht hat.
Für Navone ist es der größte Sieg seiner Laufbahn. Der Argentinier, der in dieser Saison seinen ersten ATP-Titel gewonnen hatte, brauchte fünf Sätze und die Geduld, den Favoriten einfach im Spiel zu halten. Dass ausgerechnet er den ersten Fünfsatzerfolg seiner Karriere gegen den Mann feiert, der diese Distanz jahrelang als Heimspiel betrachtet hat, ist die Pointe dieses Abends.
Der Körper als Gegner: Erbrechen, Inhalator, Tabletten
Was die Partie über ein sportliches Ergebnis hinaushebt, war das, was neben dem Platz sichtbar wurde. Djokovic musste sich während des Matches mehrfach übergeben. Er griff zum Inhalator, er nahm Tabletten. Das war kein einmaliger Zwischenfall – nach seinem Aus in Cincinnati hatte er selbst gesagt, dass er mit diesem Problem seit vielen Jahren zu tun habe. Schwindel, Übelkeit, Erbrechen: eine wiederkehrende Beschwerde, über die er inzwischen offen spricht.
Damit steht die Frage im Raum, die im Tennis seit Jahren höflich umschifft wird. Ein 39-Jähriger, der über fünf Sätze körperlich einbricht, ist keine Schlagzeile. Ein 39-Jähriger namens Djokovic, der über fünf Sätze körperlich einbricht, schon – weil dieser Spieler die Physis über zwei Jahrzehnte zur Waffe gemacht hat. Wenn ausgerechnet die verlässlichste Komponente seines Spiels zur Schwachstelle wird, ist das mehr als eine schlechte Nacht in New York.
Rekorde, die kippen: 78 Spiele, 19:0 und der Sturz aus den Top 10
Die Zahlen ordnen die Dimension besser ein als jede Beschreibung. 78 gewonnene Erstrundenmatches bei Grand Slams in Serie – Bestwert der Open Era, jetzt beendet. 19:0 bei den US Open in Runde eins – jetzt 19:1. Und es ist Djokovics frühestes Grand-Slam-Aus seit den Australian Open 2006, also seit zwanzig Jahren.
Dazu kommt eine Konsequenz, die im Trubel der Nacht fast untergegangen ist: Djokovic wird mit dieser Niederlage aus den Top 10 der Weltrangliste fallen. Zum ersten Mal seit Juli 2018. Auch das ist eine Marke, die man bei diesem Spieler jahrelang für rein theoretisch gehalten hat. Die Jagd auf den 25. Grand-Slam-Titel, die seit Jahren jedes Major begleitet, ist in New York nach einem einzigen Match beendet.
Was das für die Märkte bedeutet
Für die Wettmärkte war dieser Abend eine Korrektur mit Ansage. Djokovic lief bei Grand Slams über Jahre als eine Art gesetzte Größe – nicht unbedingt als Turniersieger-Favorit, aber in den frühen Runden als Quasi-Selbstverständlichkeit. Genau diese Selbstverständlichkeit ist jetzt weg, und sie kommt so schnell nicht zurück. Wer künftig eine Djokovic-Frühphase bewertet, muss das Gesundheitsrisiko einpreisen, und zwar nicht als Randnotiz, sondern als zentralen Faktor.
Im Turnierbild selbst öffnet das Aus einen ganzen Abschnitt des Tableaus. Ein Name, an dem sich die Konkurrenz über Jahre die Zähne ausgebissen hat, ist nach zwei Tagen raus – die Sieganwartschaften der verbliebenen Favoriten haben sich entsprechend verschoben, und die Außenseiter in dieser Hälfte sind über Nacht deutlich interessanter geworden. Bemerkenswert ist dabei weniger die Verschiebung an sich als ihr Zeitpunkt: Solche Bewegungen gibt es normalerweise im Viertelfinale, nicht am zweiten Turniertag.
Bleibt der Blick nach vorn, und der ist offener als je zuvor in Djokovics Karriere. Ein Rücktritt steht nicht im Raum, gesagt hat er dazu in New York nichts. Aber ein Spieler, der auf dem Platz Tabletten nimmt und sich übergibt, und der selbst einräumt, dass ihn das seit Jahren begleitet, hat ein Problem, das sich nicht durch Training lösen lässt. Die 78 waren eine der eindrucksvollsten Serien, die dieser Sport gesehen hat. Dass sie an einem Sonntagabend gegen einen Außenseiter endet, der einfach nur lange genug durchgehalten hat, passt zu einer Karriere, die immer davon lebte, dass am Ende der Körper entscheidet – nur eben diesmal gegen ihn.