211 Verbände, eine einfache Mehrheit, und plötzlich reden alle von Demokratie. Wer bisher acht Millionen Dollar bekam und künftig zwanzig sieht, stimmt zu – dafür braucht Infantino keinen Wahlkampf. Europas Empörung ist echt. Europas Stimmen bleiben trotzdem in der Minderheit.

Was Infantino tatsächlich verkaufen will
Nicht die Fernsehrechte stehen zum Verkauf. Es geht um Firmenanteile. „Times”, „Telegraph” und „Financial Times” berichteten am Dienstag von einer neu zu gründenden Tochterfirma namens FIFA Forward Enterprise, die die WM kontrollieren soll. 20 bis 30 Prozent davon gehen an Investoren. Am Dienstagabend bestätigte die FIFA das Vorhaben weitgehend.
Die Rechnung, mit der Infantino wirbt, ist simpel und deshalb wirksam. Statt 2,7 Milliarden Dollar soll in den kommenden vier Jahren ein Topf von rund zehn Milliarden verteilt werden. Für den einzelnen Verband bedeutet das laut FIFA-Kalkulation einen Sprung von acht auf zunächst 20 Millionen Dollar pro Zyklus, bis 2035 auf bis zu 24 Millionen. Und die Mitgliedsverbände haben laut einem Brief, der der Sportschau vorliegt, bis zum 19. September Zeit für ihr Ja. Schriftlich. Einfache Mehrheit. 106 Stimmen.
Watzke, Neuendorf, Eberl – und ein Boykott im Raum
Die Gegenwehr aus Deutschland kommt von allen Seiten. Watzke, DFB-Vizepräsident und Vize-Chef des UEFA-Exekutivkomitees, sagte dem „kicker”: „Viele im europäischen Fußball sehen die Pläne der FIFA als absoluten Angriff auf den Fußball an. Diese Haltung teile ich. Hier wird eine Grenze überschritten.” Er verweist auf sechs europäische Viertelfinalisten und drei Halbfinalisten bei der WM. Wer so viel liefert, will mitreden.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der im FIFA-Rat sitzt, nannte die Pläne gegenüber der Sportschau ein fatales Zeichen und nicht zustimmungsfähig: „Der Fußball lebt von der Akzeptanz der Gesellschaft. Wir dürfen ihn nicht zum Spielball von Investoren machen.”
Am schärfsten wurde Max Eberl. Im Trainingslager in Rottach-Egern sagte Bayerns Sportvorstand: „Ich finde es beschämend. Ich schäme mich dafür, dass wir im Fußball über solche Gedanken reden.” Und dann der Satz, der hängen bleibt: „Selbst mich, der im Fußball wirklich zu Hause ist, mich ekelt das.” Bemerkenswert deshalb, weil die Bayern als Klub-WM-Teilnehmer zu den Profiteuren steigender FIFA-Einnahmen gehören würden.
Die UEFA hatte schon vorab von einer überschrittenen Grenze gesprochen und formuliert, die Seele und die Führung des Fußballs seien keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden dürfe. Laut „Sky”, „ESPN” und „Bloomberg” liegt in der Dringlichkeitssitzung sogar ein WM-Boykott auf dem Tisch. Eberl würde mitgehen: „Ich bin kein Freund von Boykott, sondern eigentlich ein Freund von Dialog. Aber wenn es so weit kommt, wäre ich tatsächlich auch dafür, dass wir als Europa eine starke Stirn bieten.”
Kritik kam außerdem aus Spanien, aus Rumänien, von CONCACAF und AFC. Nur nützt Empörung wenig, wenn sie zählbar in der Minderheit bleibt. 55 europäische Verbände gegen 156 andere, von denen die meisten künftig das Zweieinhalbfache erhalten. Rechnen Sie das selbst durch.