Wer eine WM als 100 Prozent Freude verkauft, hat entweder nicht hingeschaut – oder hofft, dass wir es auch nicht getan haben.

„Hass und falsche Gerüchte”: Infantino attackiert die Medien
Der Ton sitzt sofort. Journalisten und Beobachter würden „Hass und falsche Gerüchte” verbreiten, schreibt Infantino, während die FIFA „an vorderster Front” stehe und für die beste Show der Welt sorge. Die WM 2026 sei die „herausragendste” der Geschichte gewesen: ohne Zwischenfälle, 100 Prozent sicher, nur Glück und Freude.
Und zum Schluss noch ein Ratschlag an die Gegner. Sie sollten nachdenken, meditieren, beten – oder einfach mal ein Fußballspiel anschauen.
Das ist der Punkt, an dem aus einer Verteidigung eine Umdeutung wird. Denn niemand hat der FIFA vorgeworfen, keine Emotionen produziert zu haben. Kritisiert wurde etwas völlig anderes.
Was in den 15 Seiten fehlt
Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wurde kurz vor dem Turnier die Einreise in die USA verweigert. Die iranische Mannschaft bezog ihr Quartier in Mexiko statt in den USA und beklagte eine ungerechte Behandlung. Dazu Ermittlungen rund um die Ticketpreise. Kein Wort davon im Instagram-Karussell.
Stattdessen führt Infantino die reibungslose Einreise des iranischen Teams und Millionen erteilte Visa als Beleg dafür an, dass die Kritiker das Positive bewusst ausblenden.
Auch die Disziplinar-Debatte streift er nur. Fehler bei Karten und nachträglich korrigierte Sperren gebe es in jeder großen Liga, sagt er sinngemäß. Der konkrete Fall bleibt ungenannt: die kurzfristig aufgehobene Rotsperre von Folarin Balogun, nach der Berichte über politische Einflussnahme aufkamen – US-Präsident Donald Trump hatte sich laut Medienberichten persönlich für die Aufhebung starkgemacht.
Und der Zeitpunkt? Kein Zufall. Der Schweizerische Fußballverband hatte seine Unterstützung für Infantinos Wiederwahl bereits zugesagt, will diese Haltung nach den WM-Kontroversen nun aber noch einmal prüfen. Wer so unter Druck steht, redet lieber über Liebe als über Visa-Bescheide.
Merken Sie sich das Muster. Strukturkritik wird zum persönlichen Angriff erklärt, der Kritiker zum Hasser – und wer widerspricht, stellt sich gegen den Fußball selbst. Ein bequemes Konstrukt. Nur beantwortet es keine einzige der offenen Fragen.