Nagelsmann traut sich was – das muss man ihm lassen. Aber wer glaubt, dass ein 40-jähriger Neuer, ein Maximilian Beier und ein Leroy Sané gemeinsam eine WM tragen können, der hat entweder genialen Plan oder keinen. Ich tippe auf Ersteres – mit einem mulmigen Gefühl.
Neuer mit 40: Leistungsprinzip oder Legendenprivileg?
Fangen wir mit dem größten Aufreger an. Manuel Neuer, 40 Jahre alt, zwei Jahre weg aus der Nationalmannschaft, ist zurück – und zwar als gesetzte Nummer eins. Oliver Baumann hat in dieser Saison bei der TSG Hoffenheim eine seiner besten Spielzeiten überhaupt absolviert. Konstant. Fehlerarm. Reif. Baumann hat sich die Nominierung nicht verdient. Er hat sich den Startplatz verdient. Und trotzdem sitzt er auf der Bank.
Das Signal ist verheerend. Wer in der Bundesliga eine komplette Saison auf Weltklasseniveau spielt, bekommt beim DFB trotzdem den Kürzeren, wenn der Gegner Manuel Neuer heißt. Nagelsmann mag das intern anders begründen – Erfahrung, Autorität, Kabinenatmosphäre – aber nach außen sieht es aus wie das, was es ist: Legendenprivileg. Das Leistungsprinzip, das Nagelsmann so gerne beschwört, endet offenbar beim Tor.
Neuer selbst hat beim FC Bayern zuletzt phasenweise starke Momente gezeigt. Das ist keine Frage. Aber er ist auch 40. Und Weltmeisterschaften in Nordamerika mit Klimaextremen, engen Spielfolgen und brutalen K.o.-Runden verzeihen keine Wackelkandidatur zwischen den Pfosten. Wenn Neuer dort einmal patzt – und die Chance besteht –, wird sich Nagelsmann diese Entscheidung lange anhören müssen.
Kein Füllkrug, dafür ein Teenager: Das Sturm-Experiment mit Ablaufdatum
Dann wäre da noch die Sache mit dem Sturm. Niclas Füllkrug ist draußen. Tim Kleindienst auch. Beide gestrichen. Stattdessen: Lennart Karl, 18 Jahre alt, FC Bayern – und ja, einer, der sich das Ticket nicht nur im Nachwuchs, sondern auch in der ersten Mannschaft der Bayern verdient hat. Wer dort Minuten bekommt, ist kein Experiment. Der ist gut.
Karl hat Tempo, Instinkt und einen Torriecher, der für sein Alter schlicht ungewöhnlich ist. Nagelsmann kennt ihn aus dem Verein, kennt seine Belastbarkeit, kennt seinen Kopf. Das ist kein blindes Vabanquespiel – das ist ein kalkulierter Blick in die Zukunft, der vielleicht früher als erwartet Gegenwart wird. Trotzdem bleibt die Frage berechtigt: Ein 18-Jähriger bei einer Weltmeisterschaft, gegen physisch reife Defensivreihen, bei Hitze und Druck in Nordamerika – das ist eine andere Liga als die Allianz Arena im Februar.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Nagelsmann hat sich mit diesem Kader jeden klassischen Plan B abgesägt. Havertz als falsche Neun, Musiala als Dribbler im Zwischenlinienraum, Wirtz als kreativer Antreiber – das funktioniert gegen offene Mannschaften prachtvoll. Gegen Ecuador, Marokko oder eine tiefstehende asiatische Mannschaft, die mit elf Mann hinter dem Ball steht? Dann fehlt der Spieler, der einfach mal mit der Schulter vorangeht und einen Eckball erzwingt. Nick Woltemade ist groß und technisch anständig, aber kein Knipser. Er ist ein Wandspieler. Das ist nicht dasselbe.
Füllkrug war nie der eleganteste Fußballer. Er war nie der, der das Spiel öffnet. Aber er trifft. Und bei Weltmeisterschaften entscheiden manchmal die hässlichsten Tore.
Galatasaray-Rückkehrer und BVB-Zögerer: Nagelsmanns Flügel-Risiko
Auf den Flügeln sieht es solide aus. Leroy Sané hat nach seinem Wechsel zu Galatasaray eine durchwachsene Saison hinter sich, genießt bei Nagelsmann aber offenbar unerschütterlichen Kredit. Deniz Undav bringt Instinkt und Torgefahr aus der Bundesliga mit – ob sein Stil auf FIFA-Niveau funktioniert, wird sich zeigen. Maximilian Beier hat beim BVB Tempo gezeigt, im Abschluss aber zu oft gezögert.
Die Offensive hat Klasse. Zweifellos. Wirtz bei Liverpool, Musiala bei Bayern, Havertz bei Arsenal – das ist kein Mittelmaß, das ist Weltspitze auf dem Papier. Aber Papier kassiert keine Gegentore. Und Papier schießt keine Tore gegen den Bus.
Die Defensive bleibt das, was sie schon länger ist: ein Konstrukt aus großem Namen und echtem Fragezeichen. Antonio Rüdiger ist der einzige Abwehrspieler im Kader, dem man bedingungslos vertraut. Hinter ihm: Nico Schlotterbeck, der in DFB-Spielen für Elfmeter und Patzer bekannt ist wie kaum ein anderer. Jonathan Tah, der in großen Momenten manchmal fehlt, obwohl er körperlich da ist. Malick Thiaw, der in England an Robustheit gewonnen hat, aber über 90 Minuten noch keine konstante Größe ist. Matthias Ginter – verlässlich, unspektakulär, erfahren – ist raus. Der Druck auf Rüdiger, diese Defensive mental zusammenzuhalten, ist immens.
Im Mittelfeld liegt die eigentliche Stärke. Joshua Kimmich führt als Kapitän. Aleksandar Pavlovic hat sich beim FC Bayern festgebissen und ist die logische Ergänzung. Angelo Stiller war der heimliche Motor des VfB Stuttgart und hat sich die Nominierung absolut verdient. Nadiem Amiri kommt nach langer Verletzung mit Schwung zurück – ob die Fitness für ein Mammut-Turnier in Nordamerika reicht, ist die echte Frage. Leon Goretzka ist die Wundertüte: Physis ja, Konstanz fraglich.
Bedeutet?
Unterm Strich ist das ein Kader mit echtem Potenzial und echten Schwachstellen. Nagelsmann hat seinen Stil durchgezogen, konsequent und ohne Rücksicht auf Stimmung. Das verdient Respekt. Aber zwischen Mut und Risikoblindheit liegt manchmal nur eine Niederlage. Deutschland hat die Qualität für das Halbfinale. Ob es auch den Plan B hat – das weiß im Moment niemand. Vielleicht nicht mal Nagelsmann.