Es wäre sehr untypisch, sollte der DFB Nagelsmann bereits vor der WM anzählen. Die erwartete, große Verbesserung, lässt allerdings noch auf sich warten.
Gattuso tritt zurück – Italiens dritte WM-Katastrophe in Folge
Am 3. April 2026 ist es passiert. Gennaro Gattuso räumt seinen Schreibtisch. Nach dem Playoff-Finale gegen Bosnien-Herzegowina – 1:4 im Elfmeterschießen – verpasst Italien zum dritten Mal in Folge die Weltmeisterschaft. 2018 war es ein Schock. 2022 eine Blamage. 2026 ist es eine Systemfrage.
Gattuso ist nicht der Einzige, der geht. Verbandschef Gabriele Gravina tritt zurück. Gianluigi Buffon, Teammanager und lebende Legende, ebenfalls. Italiens Fußball steht nicht am Scheideweg – er steht vor einem Trümmerhaufen. Was jetzt kommt, ist kein Umbruch. Das ist ein Neustart auf Null.
Die Frage ist berechtigt: Wann hat der italienische Verband zuletzt eine strukturelle Entscheidung getroffen, die über das nächste Turnier hinausgedacht hat? Die Antwort ist unbequem.
Deschamps verabschiedet sich, Nagelsmann steht unter Beobachtung – und Tuchel läuft
In Frankreich läuft der geordnete Abschied. Didier Deschamps, 56, hat schon Anfang 2025 klargemacht: Nach der WM 2026 ist Schluss. 14 Jahre, ein Weltmeistertitel, ein Vize-Titel. Er will aufhören, solange es noch schön ist – ein Luxus, den sich nicht jeder Trainer leisten kann. Nachfolger-Kandidaten gibt es bereits. Zinédine Zidane gilt als naheliegendste Option, Thierry Henry schielt ebenfalls auf den Posten. Doch ein frühes Ausscheiden in Nordamerika könnte den geplanten, ruhigen Übergang schnell in eine unruhige Entlassung verwandeln.
Beim DFB ist die Lage differenzierter. Julian Nagelsmann hat die Nationalmannschaft stabilisiert, sieben Siege in Serie sprechen eine klare Sprache. Trotzdem – oder genau deshalb – fällt sein Selbsturteil auf: „bedingt titelreif”. Das ist entweder kluge Erwartungssteuerung oder ein ehrliches Eingeständnis, dass dieser Kader noch nicht da ist, wo er sein müsste. Beides ist möglich. Beides ist relevant.
Deutschland WM 2026 – das wird für Nagelsmann zur Bewährungsprobe, die er sich nicht ausgesucht hat, aber auch nicht vermeiden kann. Die WM-Qualifikation verlief mühsam. Weltranglistenplatz neun ist keine Visitenkarte für ein Land, das sich als Fußballnation versteht. Und die Frage, wo Joshua Kimmich in diesem System letztendlich am besten aufgehoben ist, ist bis heute nicht abschließend beantwortet.
Nagelsmann anzählen vor dem Turnier? Wie Buchbauer es formuliert: Das wäre untypisch für den DFB. Aber der Druck ist real. Ein Ausscheiden im Achtelfinale wäre kein Versagen, das man intern aussitzen kann – nicht in einem WM-Jahr auf amerikanischem Boden, nicht mit diesem medialen Erwartungsdruck.
Den schärfsten Kontrast zu all dem liefert Thomas Tuchel. Seit Jahresbeginn 2025 hat er England regelrecht umgebaut. Neun Siege aus zehn Spielen, über 74 Prozent Ballbesitz im Schnitt, neue Gesichter wie Lewis-Skelly, die sich sofort eingebracht haben. Tuchel sitzt nicht nur fest im Sattel – er ist der einzige der großen Nationaltrainer, der gerade offensiv über Verlängerung reden kann. Für England geht es 2026 nicht um das Überleben eines Trainers. Es geht um die Krönung.
Der Sommer in Nordamerika wird vieles entscheiden. Für manche Trainer das Ende einer Ära. Für andere der Beginn von etwas Neuem. Und für den DFB – wie so oft – die alles entscheidende Frage: Reicht es diesmal wirklich?