Am 30. Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium über drei Millionen Seiten an Dokumenten, mehr als 2.000 Videos und 180.000 Bilder aus den Ermittlungsakten rund um den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Was als längst überfällige Transparenzoffensive gefeiert werden sollte, entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zu einem politischen Erdbeben – und rückte einen Namen ins Zentrum der Aufmerksamkeit, der sich seit Jahren vom Epstein-Komplex zu distanzieren versuchte: Elon Musk – einer der wenigen der nicht auf Epstein Island war, offenbar als einziger der Tech Elite der USA.
Die E-Mails, die alles verändern
Musk hatte seine Position stets unmissverständlich formuliert. Im September 2025 schrieb er auf seiner Plattform X: „Epstein tried to get me to go to his island and I REFUSED.” Er bezeichnete Epstein als „Creep” und behauptete, die Einladungen konsequent abgelehnt zu haben.
Die am Freitag veröffentlichten Dokumente zeichnen ein anderes Bild. Mindestens 16 E-Mails zwischen Musk und Epstein aus den Jahren 2012 und 2013 zeigen, dass Musk nicht etwa passiv Einladungen ablehnte – sondern aktiv Besuche auf Epsteins berüchtigter Karibikinsel Little St. James plante.
Die Korrespondenz beginnt im September 2012, als Epstein Musk einlud, seine Insel in der Karibik zu besuchen. Musks Antwort: zustimmend. Im November desselben Jahres fragte Epstein, wie viele Personen für den Helikoptertransfer zur Insel eingeplant werden sollten. Musks Antwort lautete, es würden wohl nur er und seine damalige Ehefrau Talulah Riley sein. Dann stellte er eine Frage, die inzwischen zum meistzitierten Satz der Veröffentlichung geworden ist:
> „What day/night will be the wildest party on your island?”
Am 25. Dezember 2012 schrieb Musk erneut an Epstein. Er habe das gesamte Jahr an der Grenze zum Wahnsinn gearbeitet und wolle, sobald seine Kinder nach den Feiertagen abreisten, die Partyszene in St. Barts unsicher machen. Er betonte sogar, dass ihm eine ruhige Inselerfahrung nicht reiche – er wolle feiern.
Planung bis ins Detail
Die E-Mails zeigen nicht nur lose Absichtserklärungen. Im Dezember 2013 schrieb Musk an Epstein, er werde über die Feiertage in den Britischen Jungferninseln sein und fragte nach einem guten Zeitpunkt für einen Besuch. Epstein antwortete, jeder Tag zwischen dem 1. und 8. Januar sei möglich, und bot an, Musk mit einem Helikopter abzuholen. Ein internes Planungsdokument von Epsteins langjähriger Assistentin Lesley Groff enthält den Vermerk: „Elon Musk to island Dec. 6 (is this still happening?)” – datiert auf den 5. Dezember 2014.
Es bleibt allerdings unklar, ob Musk die Insel tatsächlich jemals betreten hat. Aus den Dokumenten geht kein eindeutiger Beleg für einen vollzogenen Besuch hervor. Doch die Darstellung des Tech-Milliardärs, er habe Epsteins Einladungen stets abgelehnt, lässt sich anhand der E-Mails nicht aufrechterhalten. Die Initiative ging in mehreren Fällen offensichtlich von Musk selbst aus.
Auch Musks Bruder Kimbal taucht in den Akten auf. Eine E-Mail aus dem Oktober 2012 fragt, ob Epstein mit Kimbal Musk einen Kaffee trinken könne.
Musks Reaktion
Am Samstag reagierte Musk auf seiner Plattform X auf die Veröffentlichungen. Er sei sich bewusst gewesen, dass E-Mail-Korrespondenz mit Epstein von Gegnern missinterpretiert und gegen ihn verwendet werden könne. Gleichzeitig betonte er: „No one pushed harder than me to have the Epstein files released and I’m glad that has finally happened.”
Eine bemerkenswerte Aussage – nicht zuletzt, weil Musk im Juni 2025, inmitten eines öffentlichen Streits mit Präsident Donald Trump, auf X postete: „Time to drop the really big bomb: @realDonaldTrump is in the Epstein files. That is the real reason they have not been made public.” Den Beitrag löschte er später wieder.
Der politische Kontext
Die Veröffentlichung der Epstein-Akten ist das Ergebnis des *Epstein Files Transparency Act*, der im November 2025 mit überwältigender Mehrheit vom Kongress verabschiedet und von Trump unterzeichnet wurde. Das Gesetz verpflichtete das Justizministerium, sämtliche Ermittlungsakten innerhalb von 30 Tagen öffentlich zugänglich zu machen. Die Einhaltung dieser Frist war von Anfang an umstritten.
Im Dezember 2025 veröffentlichte das DOJ eine erste, deutlich kleinere Charge – darunter Flugprotokolle, die belegten, dass Trump in den 1990er-Jahren mit Epsteins Privatjet geflogen war. Am 30. Januar folgte die Massenveröffentlichung. Das Justizministerium erklärte, damit sei die gesetzliche Verpflichtung erfüllt. Kritiker halten dem entgegen, dass die gesamten Epstein-Akten über sechs Millionen Seiten umfassen – veröffentlicht wurde bislang etwa die Hälfte.
Neben Musk tauchen in den Dokumenten zahlreiche weitere prominente Namen auf: Bill Gates, Steve Bannon, Handelsminister Howard Lutnick, Prinz Andrew, Woody Allen und Bill Clinton. Das DOJ betonte, die Nennung eines Namens bedeute nicht, dass der betreffenden Person Fehlverhalten vorgeworfen werde.
Die dunkle Seite der Spekulation
So brisant die Enthüllungen sind – sie haben auch eine verstörende Nebenwirkung. Auf Prediction Markets, also Wettplattformen für reale Ereignisse, werden mittlerweile Wetten angeboten, die sich direkt auf die Epstein-Akten beziehen: Welcher Name wird als nächstes fallen? Wird es zu Anklagen kommen? Werden weitere Prominente identifiziert?
Hinter den Dokumenten, E-Mails und Flugprotokollen stehen reale Opfer – Frauen und Mädchen, die systematisch missbraucht und ausgebeutet wurden. Ihre Geschichten sind keine Unterhaltung und kein Spekulationsobjekt. Wetten auf den nächsten Epstein-Leak degradieren menschliches Leid zu einer Kuriosität mit Quotenschlüssel.
19 Überlebende von Epsteins Missbrauch veröffentlichten nach der jüngsten Dokumentenfreigabe eine gemeinsame Erklärung. Darin fordern sie die vollständige Offenlegung aller Akten. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Während Informationen über sie selbst in den Dokumenten stehen, „bleiben die Männer, die uns missbraucht haben, verborgen und geschützt.”
Was bleibt
Die Epstein-Akten haben gezeigt, was viele seit Jahren vermuteten: Der Kreis um Epstein umfasste einige der mächtigsten Menschen der Welt. Die E-Mails zwischen Musk und Epstein sind dabei nur ein Puzzleteil – aber eines, das die öffentliche Darstellung eines der einflussreichsten Menschen unserer Zeit fundamental in Frage stellt.
Elon Musk hat Epsteins Insel möglicherweise nie betreten. Doch die Behauptung, er habe Einladungen abgelehnt, ist nach den veröffentlichten E-Mails nicht mehr haltbar. Was bleibt, ist das Bild eines Mannes, der wiederholt versuchte, auf die Insel eines verurteilten Sexualstraftäters zu gelangen – und der heute behauptet, genau das Gegenteil getan zu haben.
Die vollständige Aufarbeitung der Epstein-Akten wird Monate, wenn nicht Jahre dauern. Journalisten und Forscher weltweit durchforsten die Millionen von Seiten. Eines steht fest: Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt.
*Die Epstein-Dokumente sind öffentlich auf der Website des US-Justizministeriums unter [justice.gov/epstein] einsehbar.*