England hat in Foxborough gezeigt, was passiert, wenn einem Titelanwärter die Lösungen gegen tiefe Blöcke fehlen. 79 Prozent Ballbesitz, aber kein einziger Schuss aufs Tor in der ersten Halbzeit – das ist kein Zufall, das ist ein strukturelles Problem. Gegen Panama reicht Moral nicht. Tuchel muss Rashford und Saka von Anfang an bringen und das System auf Durchzug stellen.

Statistischer Offenbarungseid: Mehr Besitz, weniger Gefahr als befürchtet
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. In der ersten Halbzeit erzielten die Three Lions bei 78 Prozent Ballbesitz gerade einmal einen xG-Wert von 0,27 – und keinen einzigen Schuss aufs Tor. Laut OptaJoe war dieses Match das erste Spiel der WM 2026, in dem in den ersten 45 Minuten kein einziger Torschuss auf das Gehäuse kam – von keiner der beiden Mannschaften. Der Gesamtwert landete bei 1,29 xG für England, wobei fast die Hälfte davon aus der einzigen wirklich zwingenden Szene stammte: O’Reillys Kopfball an die Latte, Kanes Nachschuss daneben. Harry Kane hatte in 90 Minuten ganze 19 Ballkontakte. Neunzehn. Das ist weniger als mancher Innenverteidiger in einer ruhigen Spielstunde. Tuchel selbst räumte nach dem Spiel ein: „Harry hätte den machen müssen. Es war ein Geduldsspiel.” Dass er dabei eher mit sich selbst haderte als mit dem System, sagt einiges.
Bellingham wirkte wie eingeschnürt. Elliot Anderson lief viel, aber zu selten nach vorne. Anthony Gordon – zum zweiten Mal in Folge unsichtbar – wurde in der 57. Minute ausgewechselt, nachdem er Englands ersten Schuss aufs Tor verzeichnet hatte. Einen schwachen. Direkt auf den Torhüter.
Das Kreativ-Vakuum und was Tuchel jetzt gegen Panama ändern muss
Das Muster ist nicht neu. Declan Rice hat es selbst auf den Punkt gebracht: „Es ist schwer, wenn du gegen ein Team spielst, das so tief steht. Aber da musst du trotzdem eine Lösung finden.” Die Frage ist: Warum hat Tuchel keine? Ghana unter Carlos Queiroz stand mit zehn Spielern hinter dem Ball, doppelte auf den Außenbahnen, ließ keinen Raum zwischen den Linien entstehen. England dagegen spielte quer. Und zurück. Und wieder quer. Kein vertikales Passspiel, keine Linienbrechenden Läufe. Das, was man aus Southgates Spätphase kennt – diese lähmende Sicherheitsfixierung – tauchte in Foxborough wieder auf wie ein schlechter Bekannter.
Sky Sports’ Paul Merson brachte es so auf den Punkt: „Es ist zurück auf dem Boden der Realität. Man kann nicht in jedem Spiel vier Tore erzielen, aber man erwartet, dass man sie am Ende aufbricht.” Micah Richards, beim BBC analysierend, kritisierte Englands defensive Unordnung bei Kontern: „Sie müssen das in den Griff kriegen – ja, sie jagen das Spiel, aber man braucht trotzdem Absicherung hinter sich.” Der Unterschied zur Partie gegen Kroatien war nicht Qualität – der war Mut. Gegen die Kroaten ließ Tuchel sein Team hoch und direkt spielen. Gegen Ghana wurde es statisch, kontrolliert, langsam.
Djed Spence als Linksverteidiger – eine Entscheidung, die das ohnehin schon träge Aufbauspiel weiter verlangsamte. Er driftete ins Zentrum, blockierte Rices Räume, verhinderte Überzahlsituationen außen. Was für Tuchel gegen Panama bedeutet: Rashford muss von Beginn an spielen. Saka auch. Ein echter Linksverteidiger mit Offensivdrang – O’Reilly, der nach seiner Einwechslung immerhin an den Pfosten köpfte – gehört von der ersten Minute an auf den Platz. Und im Mittelfeld braucht es jemanden, der auch mal einen riskanten Pass in die Tiefe wagt. Anderson ist fleißig. Aber Fleiß allein bricht keinen tief stehenden Block auf. England hat die Qualität für dieses Turnier. Das 4:2 gegen Kroatien hat das gezeigt. Aber in Foxborough haben die Three Lions auch gezeigt, wie fragil dieses Team wird, sobald der Gegner das Heft des Handelns an die Struktur übergibt. Ghana feierte mit dem Schlusspfiff wie ein Sieger. Weil sie einer waren.
Gegen Panama muss Tuchel liefern – oder die Fragen werden lauter
Vier Punkte, sicher weiter – auf dem Papier ist das in Ordnung. Aber England hat in Foxborough etwas gezeigt, das nicht auf dem Papier steht: Wenn Gegner tief stehen und eng verteidigen, fehlt den Three Lions ein Spielmacher, der das Schloss knackt. Trent Alexander-Arnold ist nicht im Kader. Cole Palmer auch nicht. Was bleibt, ist Bellingham in einer Rolle, die ihm nicht liegt, und ein Kane, der 19 Mal den Ball berührt. Das reicht gegen Panama. Gegen wen auch immer in der K.-o.-Runde kommt und ebenfalls tief steht – wahrscheinlich nicht. Tuchel weiß das. Am 27. Juni in New Jersey muss er zeigen, dass er auch handelt.
Häufige Fragen
Warum hat England gegen Ghana nicht gewonnen?
Ghana stand unter Trainer Carlos Queiroz mit einem kompakten Defensivblock tief und ließ kaum Räume zwischen den Linien entstehen. England hatte zwar 79 Prozent Ballbesitz, aber kein geeignetes Mittel gegen diesen Riegel: zu wenig Tempo im Aufbauspiel, zu selten vertikale Pässe, zu wenig Präsenz im Strafraum. Harry Kane berührte den Ball nur 19 Mal. Die einzige wirklich zwingende Chance – O’Reillys Kopfball an die Latte, Kanes Nachschuss drüber – reichte nicht.
Was muss Tuchel gegen Panama ändern?
Marcus Rashford und Bukayo Saka sollten von Beginn an spielen – beide bringen die Dynamik auf den Außenbahnen, die gegen Ghana fehlte. Djed Spence als Linksverteidiger war ein Experiment, das nicht funktioniert hat. Nico O’Reilly gehört zurück in die Startelf. Und im Mittelfeld braucht England jemanden, der auch den riskanten Steilpass wagt – nicht nur den sicheren Querpass.
Wann spielt England als nächstes bei der WM 2026?
England trifft am 27. Juni 2026 um 23:00 Uhr (deutscher Zeit) im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey, auf Panama. Das Spiel ist das abschließende Gruppenspiel der Gruppe L. Mit einem Sieg sichern sich die Three Lions den Gruppensieg – sofern Ghana parallel gegen Kroatien verliert oder unentschieden spielt.