Irgendwo in Mailand sitzt Yann Aurel Bisseck mit einem Meisterschaftspokal auf dem Wohnzimmertisch, dem Pokalsiegerpokal daneben, und starrt auf sein Handy. Kein Anruf. Keine SMS. Nicht mal eine automatisierte Glückwunsch-Mail vom DFB. Stattdessen liest er in den Nachrichten, dass Julian Nagelsmann – jener Mann, der seit zwei Jahren das Wort “Leistungsprinzip” benutzt wie andere Leute “bitte” und “danke” – ihn nicht mit zur WM nimmt. Herzlichen Glückwunsch zum Double, Yann. Schau dir das Turnier bitte im Fernsehen an.
Bisseck hat mehr Titel gewonnen als die meisten Spieler im DFB-Kader zusammen – und sitzt zu Hause. Nagelsmann nennt das Leistungsprinzip. Ich nenne das Realsatire. Wenn Nagelsmann am Donnerstag das Wort auch nur einmal ausspricht, sollte der Moderator kurz pausieren und laut lachen. Der Mann gewinnt Titel in der brutalsten Abwehrliga der Welt – und beim DFB reicht’s nicht mal für eine Einladung auf einen Kaffee.
Das Leistungsprinzip – der dreisteste Slogan seit “Geiz ist geil”
Halten wir kurz inne. Nagelsmann hat exakt ein Länderspiel mit Bisseck gemacht. Eines. Im März 2025. 3:3 gegen Italien. Bisseck war dabei. Dann: nichts. Keine weiteren Einladungen. Kein Lehrgang. Nix. Bisseck spielt weiter, wird besser, gewinnt Titel. Nagelsmann schaut weiter weg.
Und jetzt – jetzt, wo Bisseck den Beweis auf dem Tisch hat, schwerer als ein Pokal sein kann – jetzt erklärt Nagelsmann: Verletzung. Er hat sich im CL-Finale gegen PSG am Oberschenkel verletzt. Das ist der offizielle Grund. Der eigentliche Grund? Bisseck war nie wirklich in Nagelsmanns Kopf. Nicht vor der Verletzung, nicht danach.
Das Leistungsprinzip ist nicht gebogen worden. Es wurde gebrochen, zusammengekehrt, in eine Tüte gesteckt und in die nächste Mülltonne geworfen. Und oben drauf hat Nagelsmann einen Zettel geklebt: “Gilt nicht für Spieler, die ich nicht kenne.”
Was muss man eigentlich tun, um nominiert zu werden?
Das ist die Frage, die sich gerade ganz Deutschland stellt – oder zumindest stellen sollte. Bisseck hat die Serie A gewonnen. Den Coppa Italia. Bei einem der größten Klubs der Welt. In einem Alter, in dem andere Spieler noch um Bundesliga-Stammpositionen kämpfen.
Was hätte er noch tun können? Vier Titel gewinnen? Fünf? Vielleicht hätte er Nagelsmann persönlich anrufen sollen: “Hallo Julian, hier ist Yann. Ich hab gerade wieder was gewonnen. Darf ich jetzt mitspielen?” Vielleicht hätte er ein Banner über dem DFB-Campus aufhängen sollen: “Bitte nominieren. Habe alles getan, was man tun kann.”
Die bittere Pointe: Er hätte es nicht mal müssen. Er hätte einfach nur gehofft, dass Nagelsmanns Leistungsprinzip das meint, was es klingt. Tut es aber nicht. Niemals.
Der kleine Trost am Ende
Bisseck wird die WM auf dem Sofa schauen. Er wird sehen, ob die DFB-Innenverteidigung hält. Und wenn sie irgendwann wackelt – und sie wird wackeln – darf er sich ein stilles Lächeln erlauben. Kein lautes. Kein schadenfrohes. Nur so ein kleines, wissendes.
Das Lächeln von jemandem, der alles richtig gemacht hat. Und trotzdem verloren hat. Gegen das Nagelsmann-Prinzip. Früher hieß das Leistungsprinzip. Aber das war einmal.