Nagelsmann und Tuchel haben beide gezündelt – der eine in Berlin, der andere in London. Ob das Feuer für sie oder gegen sie brennt, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Die Nationen sind jedenfalls angespannt.
Nagelsmanns Radikalkur: Mut oder Kalkül ohne Netz?
Julian Nagelsmann geht in seine erste Weltmeisterschaft als Bundestrainer – und er geht rein wie jemand, der nichts zu verlieren hat. Robert Andrich? Gestrichen. Karim Adeyemi? Gestrichen. Serge Gnabry verletzt, ohnehin schon länger ein Diskussionsfall. Stattdessen: Nick Woltemade im Sturm, Nadiem Amiri im Mittelfeld. Dazu kommt die Rückholaktion von Manuel Neuer – mit 40 Jahren wieder Nummer eins, weil Nagelsmann offenbar keinem der jüngeren Keeper genug zutraut. Kein Experiment – Nagelsmann kennt diese Spieler, vertraut ihnen. Aber die Öffentlichkeit kennt sie noch nicht als WM-Stammkräfte. Das ist der eigentliche Riss.
Man kann das Mut nennen. Man kann es auch Schönrechnerei nennen.
Nagelsmann hat in einer ARD-Dokumentation öffentlich gemacht, dass ihn anonyme Hass-Mails erreicht haben – Beleidigungen, die ihn als „geisteskrank” bezeichneten. Das ist ekelhaft und inakzeptabel, ohne jede Einschränkung. Trotzdem: Ein Teil der Kritik kam nicht aus dem Nichts. Etablierte Kräfte zu streichen, ohne der breiten Öffentlichkeit ein wasserdichtes Argument zu liefern – das ist eine Einladung zum Gegenwind.
Die Nationalmannschaft sitzt jetzt im US-Basecamp Winston-Salem und bereitet sich auf den Auftakt am 14. Juni gegen Curaçao vor. Ein machbarer Gegner. Aber die WM wird nicht in der Gruppenphase gewonnen. Und wenn es enger wird – wenn Deutschland in einem K.o.-Spiel ein Tor braucht, jetzt, in diesem Moment – dann wird Nagelsmann seine Entscheidungen erklären müssen. Auf dem Platz, nicht im Interview.
Tuchels England: Superstar-Streichungen als Identitätsprojekt
Thomas Tuchel hat in England ein Erdbeben ausgelöst. Cole Palmer. Phil Foden. Trent Alexander-Arnold. Harry Maguire. Alles draußen. Vier Namen, die in der Premier League wöchentlich Schlagzeilen produzieren – und die Tuchel einfach nicht mitgenommen hat.
Seine Begründung: Teamchemie. Energie. Verbindung. „Alles dreht sich um Energie und Verbindung, du brauchst ein echtes Team für den Titel”, sagte er. Das klingt nach Tiefenpsychologie, nicht nach Taktik. Und genau das macht viele nervös.
Foden ist kein Egomane. Palmer hat Chelsea in dieser Saison nahezu im Alleingang durch schwierige Phasen getragen. Wenn Tuchel diese Spieler für chemiegefährdend hält, sagt das entweder sehr viel über die Kabine aus – oder sehr viel über seine eigene Kontrollphantasie.
Stattdessen: Ivan Toney, 30, aktuell in Saudi-Arabien aktiv. Als Joker für Rückstände, sagt Tuchel. Als Gesprächsthema, sagen die britischen Boulevardmedien. Beides stimmt gleichzeitig.
Es ist nicht falsch, auf Teamchemie zu setzen. Turniere werden manchmal von Kollektiven gewonnen, nicht von Einzelkönnern. Aber Tuchel muss aufpassen, dass sein Konzept nicht zur Schutzbehauptung wird. Denn wenn England früh scheitert, werden die Fragen kommen. Und „wir hatten gute Energie im Camp” ist keine Antwort, die eine Nation zufriedenstellt.
Deutschland WM 2026: Zwei Trainer, eine Frage
Nagelsmann und Tuchel verbindet mehr, als ihnen lieb sein dürfte. Beide haben Entscheidungen getroffen, die erklärungsbedürftig sind. Beide haben dafür Gegenwind bekommen – in unterschiedlicher Intensität, aber in der gleichen Richtung. Und beide stehen jetzt vor dem gleichen Urteil: dem des Turniers selbst.
Kritik vor dem Anpfiff ist das eine. Was zählt, ist das, was auf dem Rasen passiert. Ab dem 14. Juni für Deutschland, ab dem ersten englischen Spiel für Tuchel. Die WM 2026 wird zeigen, ob Mut und Risikobereitschaft dasselbe sind. Oder ob da doch ein Unterschied besteht.