England testet die Torwart-Regel, Deutschland lehnt sie ab, in den UEFA-Wettbewerben gilt sie gar nicht. Ein englischer Klub spielt am Samstag nach einem Regelwerk und am Mittwoch nach einem anderen. Viel Glück beim Erklären.

Fünf Sekunden, zehn Sekunden, eine Minute
Seit dem 1. Juli gelten die neuen IFAB-Regeln für alle Kontinentalverbände. Beschlossen wurden sie in zwei Etappen: bei der Jahreshauptversammlung im Februar und bei einer Sondersitzung Ende April in Vancouver. Die WM war der Praxistest. Jetzt wird es ernst.
Das Kernstück ist der sichtbare Countdown. Erkennt der Schiedsrichter bei einem Einwurf oder Abstoß eine absichtliche Verzögerung, zählt er die letzten fünf Sekunden mit der Hand herunter. Läuft die Zeit ab, gibt es beim Abstoß einen Eckstoß für den Gegner, beim Einwurf wechselt das Einwurfrecht. Die Acht-Sekunden-Regel für Torhüter bleibt bestehen.
Dazu kommen zwei Zeitfenster, die Trainer direkt betreffen. Ausgewechselte Spieler haben zehn Sekunden, um das Feld zu verlassen. Brauchen sie länger, darf der Ersatzmann erst eine Minute später und bei der nächsten Unterbrechung aufs Feld – die Mannschaft spielt so lange in Unterzahl. Und wer auf dem Platz behandelt wird, muss danach mindestens 60 Sekunden draußen bleiben.
| Regel | Bundesliga 2026/27 | England 2026/27 |
|---|---|---|
| Countdown bei Abstoß und Einwurf | ja | ja |
| 10 Sekunden bei Auswechslungen | ja | ja |
| Eine Minute nach Behandlung | ja, ohne Ausnahmen | ja |
| Torwart-Behandlung kostet Feldspieler | nein | Testlauf |
| VAR bei falschem Eckball | nein | ja |
| Feste Trinkpausen | nein | nein |
England geht weiter, Deutschland bremst
Die eigentliche Spaltung beginnt bei den Torhütern. Die englische Regelbehörde hat sich vom IFAB grünes Licht für einen Versuch geholt, der es in sich hat: Kommt der Physio zum Keeper aufs Feld, muss der Trainer binnen zehn Sekunden einen Feldspieler benennen, der für eine Minute vom Platz geht. Benennt er keinen, geht der Kapitän. Der Test läuft quer durch den englischen Profifußball, von der Premier League bis zur Women’s Super League, und startete bereits in der ersten Runde des Ligapokals.
Ausnahmen gibt es, und sie sind ausführlich formuliert:
- Der Torwart winkt die Behandlung selbst ab
- Er wird gefoult und braucht sofort Hilfe
- Er kollidiert mit einem Feldspieler, der ebenfalls behandelt wird
- Er blutet oder hat eine schwere Verletzung beziehungsweise Verdacht auf Gehirnerschütterung
Ausgelöst hat das Ganze eine Debatte aus der Vorsaison. Leeds-Trainer Daniel Farke warf Manchester Citys Gianluigi Donnarumma im November vor, eine Verletzung vorzutäuschen, um das Spiel zu unterbrechen. Brighton-Coach Fabian Hürzeler kritisierte Arsenals David Raya, der in einem 1:0 gleich dreimal behandelt wurde. Beide forderten eine Lösung. Sie haben eine bekommen.
Deutschland macht diesen Schritt nicht mit. DFB, DFL und die Bundesligaklubs verzichteten am 27. Juli außerdem auf den VAR-Eingriff bei falsch gegebenen Eckbällen. Bei Behandlungen ist die Bundesliga dafür strenger als die WM: Ausnahmen gibt es keine, auch bei möglichen Kopfverletzungen muss der Spieler grundsätzlich runter.
Bleibt die Frage, die niemand beantwortet hat. Wenn das Ziel mehr Nettospielzeit heißt, warum darf dann jede Liga selbst entscheiden, wie viel davon sie will? Das IFAB will die Ergebnisse des englischen Versuchs über die Saison auswerten und peilt eine weltweite Regeländerung ab 2027/28 an. Bis dahin gilt: Wer 2026/27 europäisch spielt, sollte zwei Regelwerke im Kopf haben.