Du schlägst Paraguay nicht, indem du dich über den VAR beschwerst. Du schlägst Paraguay, indem du gegen Paraguay Tore schießt und im Elfmeterschießen das Tor triffst. Eine Aufgabe. Verfehlt.
Der Skandal, der keiner war
Ich habe mir das jetzt zweimal angeschaut. Beim zweiten Mal nicht, weil ich etwas übersehen hätte – sondern weil ich nicht glauben wollte, dass eine Weltmeisternation 120 Minuten lang gegen Paraguay so aussehen kann, als hätte man die Aufstellung in der Kabine ausgelost.
Ja, der Kopfball von Jonathan Tah in der Verlängerung wurde wegen eines vorherigen Freistoßpfiffs nicht gegeben. Ja, Nagelsmann ist danach ans ZDF-Mikrofon getreten und hat das Wort „Skandal” benutzt. Mehrfach, mit Nachdruck. Und wisst ihr, was ich dazu sage? Eine Mannschaft, die sich auf eine einzige strittige Szene in der Schlussphase verlässt, hat in den 99 Minuten davor ihren Job nicht gemacht.
Der Bundestrainer redet vom „kontrollierten Spiel” und der „fehlenden Zielstrebigkeit”. Übersetzt: Wir hatten den Ball und wussten nicht, was wir damit anstellen sollen. Das ist kein Skandal. Das ist ein Konzeptproblem. Und es kam mit Ansage – das 1:2 gegen Ecuador war kein Betriebsunfall, es war die Generalprobe für genau diesen Abend.
Das System, das keiner verstanden hat – am wenigsten die Spieler
Reden wir über die Idee, mit der Nagelsmann in dieses Spiel gegangen ist. Musiala raus, Undav rein. Ein asymmetrisches 4-2-3-1, Kimmich rückt ein und bastelt eine Pseudo-Dreierkette, beide Außenverteidiger nach innen – und Leroy Sané steht als einzige Breite auf rechts allein auf weiter Flur.
Allein. Auf. Weiter. Flur.
Sané hat keinen Gegenspieler überwunden, keine Flanke gebracht, die ankam, und war im Ballbesitz ungefähr so gefährlich wie ein Eckpfosten. Paraguay musste ihn nicht mal doppeln – die konnten ihre Kräfte woanders konzentrieren, weil von rechts ohnehin nichts kam. Und im Zentrum? Pavlović und Nmecha als Doppelsechs, die sich gegenseitig auf den Füßen standen, während zwei einrückende Außenverteidiger den Raum so eng machten, dass da niemand mehr atmen konnte.
Das ist kein Pech. Das ist eine Tafel voller taktischer Spielereien, die in der Theorie hübsch aussieht und gegen einen tiefstehenden Gegner komplett auseinanderfällt. Gegen ein Team, das sie hätte schlagen müssen. Nicht gegen Frankreich. Gegen Paraguay.
Die Wette gegen die Biologie: Neuer mit 40
Ich sage es, wie es ist, und mir ist egal, wie viele Pokale in der Vitrine stehen: Die Entscheidung, einen 40-Jährigen aus dem Ruhestand zurückzuholen und ihn zur Nummer eins zu machen, war von Anfang an eine Wette gegen die Biologie. Manuel Neuer hat seine Legende nicht zerstört – aber er hat ihr in diesem Turnier eine sichtbare Delle verpasst.
Oliver Baumann war zuletzt erste Wahl. Es gab jüngere Optionen mit mehr Strahlung im Spielaufbau. Stattdessen: ein Comeback aus Sentimentalität, eine Wadenverletzung im Vorfeld, und am Ende ein Elfmeterschießen, in dem Deutschland den Kürzeren zieht. Wenn man so eine Wette eingeht, muss sie sich auszahlen. Diese hier hat es nicht.
Was bleibt – und was die Quoten nicht sagen
Havertz verschießt. Woltemade verschießt. Tah verschießt. Drei Fehlschüsse, ein Enciso-Tor auf der Gegenseite, und ein Land, das Gruppe E noch souverän gewonnen hatte, fliegt im ersten K.-o.-Spiel raus. Nagelsmann sagt, er sei bereit für die EM und die Nations League: „Wenn ich nicht mehr gewollt bin, müssen sie mit mir reden.” Charmant. Ich würde an der richtigen Stelle in Frankfurt schon mal den Telefonhörer in die Hand nehmen.
Und vom Wett-Schreibtisch aus noch ein Wort: Deutschland ging als gehandelter Mitfavorit in dieses Turnier – starker Kader, leichte Gruppe, Gruppensieg. Genau das war die Falle. Die Quoten sprachen für die DFB-Elf. Gegen Ecuador sprachen sie das auch. Wer auf den großen Namen wettet statt auf die tatsächliche Spielanlage, zahlt am Ende Lehrgeld. Vier Sterne auf der Brust schießen keine Tore. Ich halte mein Geld zusammen, bis ich auf dem Platz wieder eine Idee erkenne. Im Moment erkenne ich keine.
Eine WM ist vorbei, ehe sie für diese Mannschaft richtig begonnen hat. Und das Schlimmste ist nicht die Niederlage. Das Schlimmste ist, dass sie keinen überrascht hat.