Erinnert ihr euch an “Geiz ist geil”? Saturn. Anfang der 2000er. Ein Slogan, der klang wie eine Revolution – und am Ende nur bedeutete: Kauf bei uns, wir sind billig. Wer damals nicht aufgepasst hat, hat Produkte gekauft, die schlechter waren als das, was teurer gewesen wäre. Der Slogan war dreist. Aber er hat funktioniert. Weil er so überzeugend klang.
Julian Nagelsmann hat sein eigenes “Geiz ist geil” gefunden. Es heißt: Leistungsprinzip.
Das Leistungsprinzip ist Nagelsmanns ‚Geiz ist geil‘ – ein Werbeslogan, der geil klingt, aber komplett erfunden ist. Bisseck gewinnt das Double, zerlegt Woche für Woche Europas Top-Stürmer und fliegt trotzdem raus. Saturn hätte ihm wenigstens noch einen Gutschein geschickt.
Der Slogan, der alles erklärt – und nichts bedeutet
Nagelsmann sagt “Leistungsprinzip” in etwa so oft wie ein Politiker das Wort “Transparenz” sagt. Also: ständig, leidenschaftlich, und mit einer Miene, als wäre er gerade der erste Mensch, der auf diese revolutionäre Idee gekommen ist. Wer liefert, spielt. Wer nicht liefert, fährt nicht mit. Simpel. Gerecht. Unbestreitbar.
Und dann passiert Folgendes: Yann Aurel Bisseck gewinnt mit Inter Mailand die Serie A und den Coppa Italia. Das erste Double seit 2018. Er liefert. Er liefert sogar so viel, dass kaum noch Platz im Regal ist. Und Nagelsmann? Nominiert ihn nicht. Wegen einer Verletzung, offiziell. Wegen dem Nagelsmann-Prinzip, ehrlicher.
Das Leistungsprinzip gilt eben nur, solange es Nagelsmann in den Kram passt. Genau wie “Geiz ist geil” nur galt, bis man den Fernseher aufgemacht hat.
Wie man einen Slogan richtig vermarktet
Die Stärke eines guten Slogans liegt darin, dass er nicht hinterfragt wird. “Geiz ist geil” hat jahrelang funktioniert, weil der Satz so selbstbewusst rübergebracht wurde, dass Nachfragen uncool wirkte. Nagelsmann hat das perfekt adaptiert. Wer das Leistungsprinzip in Frage stellt, wirkt wie jemand, der gegen Fairness ist. Wer dagegen ist, ist irgendwie auch gegen Sport, gegen Meritokratie, gegen alles Gute in der Welt.
Dabei ist die Realität simpel: Das Leistungsprinzip ist ein Kommunikationsinstrument. Es klingt so gut, dass Journalisten damit aufhören nachzubohren, Fans damit aufhören zu protestieren, und Spieler damit aufhören zu klagen. Wer nicht nominiert wird, hat eben nicht genug geleistet. Ende der Diskussion. Keine Nachfragen. Nächste Frage bitte.
Bisseck als Kollateralschaden eines Marketingbegriffs
Yann Aurel Bisseck ist nicht das erste und nicht das letzte Opfer des Leistungsprinzips. Er ist nur das aktuell offensichtlichste. Ein Spieler, dem man schwer ins Gesicht schauen und sagen könnte: Du hast nicht genug geleistet. Also sagt man stattdessen: Verletzung. Und dahinter versteckt sich das eigentliche Problem – dass Nagelsmann Spieler nominiert, die er kennt, die er mag, die in sein System passen. Das ist menschlich. Das ist verständlich. Das ist sogar vertretbar.
Aber dann soll er es so nennen. Trainerpräferenz. Systemfit. Vertrauensbasis. Irgendwas, das nicht “Leistungsprinzip” heißt. Denn das Leistungsprinzip hat Bisseck gerade erfüllt. Besser als fast jeder andere Bundesligaprofi in dieser Saison.
Das Fazit – und ein Vorschlag
Ab sofort: Immer wenn Nagelsmann das Wort “Leistungsprinzip” sagt, sollte ein kleiner Buzzer ertönen. So wie bei Lügendetektoren im Fernsehen. Oder wie das Klingeln der Kasse bei Saturn, wenn gerade wieder jemand auf “Geiz ist geil” hereingefallen ist.
Das Leistungsprinzip ist dreist. Es ist dreister als “Geiz ist geil”. Denn Saturn hat wenigstens Fernseher verkauft. Nagelsmann verkauft eine Idee – und liefert sie dann nicht.