Es ist vorbei. 64 Sekunden hat es gedauert, bis Paraguay den ersten und einzigen Treffer dieser Partie gesetzt hat. Danach spielte die Türkei 45 Minuten lang in Überzahl, schoss 32-mal aufs Tor, traf Latte und Pfosten – und verlor trotzdem. 0:1. Zwei Spiele, null Tore, null Punkte. Letzter Platz in Gruppe D. Die Güler-Generation ist als erstes Team dieser WM ausgeschieden.
Was passiert ist: Das Spiel in drei Sätzen
Matías Galarza trifft in der zweiten Minute. Die Türkei schläft beim Anpfiff – das schnellste Tor dieser WM sitzt. Miguel Almirón sieht kurz vor der Pause Rot, weil er sich beim Sprechen die Hand vor den Mund hält – die neue FIFA-Regel greift erstmals überhaupt bei einer WM. Die Türkei spielt eine gesamte zweite Halbzeit in Überzahl, schafft es aber auch bei 11 gegen 10, gegen tief stehende Paraguayer kein Tor zu erzielen. Endstand 0:1. Aus. Heimreise.
| Statistik | Türkei | Paraguay |
|---|---|---|
| Tore | 0 | 1 |
| Torschüsse | 32 | 7 |
| Ballbesitz | 79 % | 21 % |
| Passgenauigkeit | 89 % | — |
| Überzahl ab | 45.+3 Min. | — |
| Tore gesamt (2 Spiele) | 0 | — |
Spielerstatistik
| 2' | Matías Galarza Fonda (Assist: Julio Enciso) | |||
| 4' | Matías Galarza Fonda | |||
| 45+3' | Miguel Almirón | |||
| Eren Elmali | 71' |
Spielstatistik
Kann die Türkei noch weiterkommen? Nein.
Zur Vollständigkeit: Die Frage ist beantwortet und die Frage Wie kann die Türkei noch weiterkommen? – Die erübrigt sich. Null Punkte nach zwei Spielen, minus drei Tordifferenz, ein letztes Spiel gegen die bereits qualifizierten USA ohne jede sportliche Relevanz. Selbst als bester Dritter – wofür es mindestens drei Punkte bräuchte, realistischer vier – ist der Weg versperrt. Die Türkei ist ausgeschieden. Das Spiel gegen die USA am 26. Juni ist ein Abschiedsgala ohne Publikumsinteresse.
Was bleibt: Das Gruppenfinale gegen die USA bietet genau eine Möglichkeit – dem Land zu zeigen, was mit diesem Kader möglich gewesen wäre. Ob das nach diesem Turnierverlauf noch interessiert, ist eine andere Frage.
Die Zahlen des Grauens: Was diese Türkei geleistet hat
62 Torschüsse in zwei Spielen. Kein einziges Tor. Das ist keine Pechsträhne, das ist ein statistisches Phänomen. Zur Einordnung: Eine Chancenverwertung von null Prozent über 62 Abschlüsse ist mit normalem Spielglück schlicht nicht erklärbar – das setzt aktives Zutun voraus. Güler schoss früh im Spiel aus guter Position weit über das Tor. Müldür köpfte erst gegen die Latte, dann gegen den Pfosten. Der Ball hatte zu jedem Zeitpunkt offenbar eigene Pläne.
Trainer Vincenzo Montella stellte sich nach dem Spiel vor seine Mannschaft: “Wir haben 65 Torschüsse in zwei Spielen. Sie haben ihr Herz und ihre Seele auf dem Feld gelassen.” Das stimmt technisch. Es hilft nur nicht weiter, weil Herz und Seele in der WM-Wertung nicht zählen – nur Tore.
Güler, Çalhanoğlu, Tränen in der Kabine
Arda Güler starrte nach dem Abpfiff fassungslos in den Himmel über Santa Clara. Das ist kein dramatischer Journalismus – das wurde so beschrieben. Seine Reaktion danach: “Wir sind richtig, richtig traurig. Das ist auch beschämend. Wir entschuldigen uns bei unserem Volk.” Weiter: “Wir weinen in der Kabine. Wir müssen alles tun, um das wieder gutzumachen.”
Kapitän Hakan Çalhanoğlu: “Jeder wollte unserem Land etwas geben. Wir hatten auch ein bisschen Pech.” Das Wort “Pech” trägt hier wenig. Bei 0:1 nach 64 Sekunden mit anschließender Überzahl und 32 Schüssen ohne Ergebnis ist der Anteil an Pech die kleinste Variable in der Gleichung.
Was die Güler-Generation vor dem Turnier versprochen hat
Es lohnt sich, kurz zurückzugehen. Die türkische Boulevardzeitung Hürriyet titelte nach der Playoff-Qualifikation: “Die Angst vor der Türkei hat begonnen.” Nicht die Freude über das Weiterkommen – die Angst der anderen 47 Teams. Der türkische Verbandspräsident gab dem Team auf dem Weg mit: “Unser erstes Ziel ist klar.” Türkische Fans sahen in Arda Güler (21, Real Madrid), Kenan Yıldız (21, Juventus) und Can Uzun (20, Frankfurt) die Generation, die das Erbe von 2002 antritt – Halbfinale, Finale, Weltrekord.
Bei der EM 2024 in Deutschland hatte dasselbe Team Österreich aus dem Turnier geworfen, war bis ins Viertelfinale gekommen, hatte ein Land in Euphorie versetzt. Das war real. Das war nicht vor vier Jahren – das war vor zwölf Monaten. Dieselben Spieler, derselbe Trainer, dieselbe Generation.
Jetzt: Letzter Platz in Gruppe D. Nulltoreerzielt. Erstes ausgeschiedenes Team dieser WM. Die Distanz zwischen “Die Angst vor der Türkei hat begonnen” und dem Endstand gegen Paraguay ist so groß, dass man sie kaum noch in einem Satz fassen kann.
Ich habe vor diesem Turnier das Viertelfinale als realistisches Ziel genannt und das Halbfinale als Optimum. Das war keine Fanwette – das war eine Einschätzung auf Basis von echten Qualitäten. Güler ist bei Real Madrid Stammspieler. Yıldız hat eine Fabelsaison bei Juventus gespielt. Çalhanoğlu ist Inter-Kapitän und Weltklasse im Mittelfeld. Die Gruppe war bezwingbar. Was diese Mannschaft in Californien gezeigt hat, hat mit diesen Voraussetzungen aber nichts zu tun. 62 Schüsse, kein Tor, zuerst raus. Das ist kein Pech – das ist ein komplettes Systemversagen auf dem Platz. Ob das an der Taktik liegt, am Druck, an Montella oder an der mentalen Verfassung dieser Mannschaft unter WM-Bedingungen: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich weiß nur, dass die Türkei gegen Paraguay in Überzahl gespielt hat und trotzdem verloren hat. Das erklärt sich nicht von selbst. Für wen die Türkei-Fans jetzt die Daumen drücken? Aus vergangenen Turnieren war es entweder Deutschland oder wahlweise der Gegner von Deutschland.

Was jetzt passiert: Gruppe D, aktueller Stand
| Team | Sp. | S / U / N | Tore | Pkt. | Status |
|---|---|---|---|---|---|
| 🇺🇸 USA | 2 | 2 / 0 / 0 | 6:1 | 6 | ✅ Gruppensieger |
| 🇦🇺 Australien | 2 | 1 / 0 / 1 | 2:2 | 3 | ⏳ Platz 2 sicher |
| 🇵🇾 Paraguay | 2 | 1 / 0 / 1 | 2:4 | 3 | ⚠️ Dritter (noch offen) |
| 🇹🇷 Türkei | 2 | 0 / 0 / 2 | 0:3 | 0 | ❌ Ausgeschieden |
Fazit: Eine Generation, die liefern musste – und nicht geliefert hat
24 Jahre Wartezeit. Arda Güler, Kenan Yıldız, Can Uzun. Hürriyet-Schlagzeilen über Angst und Schrecken. Der Verbandspräsident mit dem “klaren Ziel”. Vincenzo Montella mit denselben Spielern, die vor einem Jahr Österreich aus der EM geworfen haben.
Und am Ende: 0 Tore in zwei Spielen, 0 Punkte, Letzter. Als erstes Team bei dieser WM raus. Güler entschuldigt sich bei einem ganzen Volk.
Das nächste WM-Ticket kommt in vier Jahren. Die Güler-Generation wird dann 25 sein. Ob das reicht für eine zweite Chance, hängt davon ab, was aus dem Santa-Clara-Trauma gelernt wird. Im Moment fühlt es sich nicht nach Lernen an. Es fühlt sich nach dem Ende von etwas an, das eigentlich noch gar nicht richtig angefangen hat.