Elf Rennen. Mehr Zeit hat Graeme Lowdon als Teamchef von Cadillac nicht bekommen. Mitten in der Sommerpause zieht der Formel-1-Neuling die Reißleine und ersetzt seinen Teamchef durch Marcin Budkowski. Die Art und Weise sorgt in der Szene für mindestens so viel Gesprächsstoff wie die Entscheidung selbst.
Lowdon soll nach eigener Darstellung nur wenige Stunden vor der offiziellen Mitteilung von seinem Aus erfahren haben. Cadillac-CEO Dan Towriss ließ zudem keinen Zweifel daran, wie die Trennung einzuordnen ist: einvernehmlich war sie nicht. Deutlicher kann man es kaum formulieren.
Ein Teamchefwechsel nach elf Rennen ist kein Feinschliff, das ist ein Notruf. So etwas passiert nur, wenn die Erwartungen intern massiv verfehlt wurden.

Ein Rauswurf mit Ansage – nur nicht für den Betroffenen
Lowdon war das Gesicht des Cadillac-Projekts. Er begleitete den Einstieg des amerikanischen Herstellers von der ersten Bewerbungsphase an, gab unzählige Interviews und galt als derjenige, der den Rennstall überhaupt erst durch die Zulassungshürden manövriert hat. Dass er jetzt nach einer halben Debütsaison gehen muss, hat entsprechend Symbolkraft.
Für ein neues Team ist die erste Saison naturgemäß ein Lernjahr. Man baut Strukturen auf, sammelt Daten, sortiert Personal. Genau deshalb ist ein Wechsel an der Spitze zu diesem Zeitpunkt so ungewöhnlich. Wer nach elf Rennen den Teamchef austauscht, sagt implizit: Das Lernjahr läuft schlechter als geplant.
Die Kommunikation verstärkt den Eindruck. Ein Anruf wenige Stunden vor der Pressemitteilung ist in der Formel 1 kein üblicher Umgang mit einem Teamchef dieses Kalibers. Hier läuft etwas, das über sportliche Ergebnisse hinausgeht – das riecht nach einem Machtkampf, der intern schon länger geschwelt hat.
Budkowski: der Mann für die Struktur
Der Nachfolger ist ein alter Bekannter im Fahrerlager. Marcin Budkowski, 49 Jahre alt, hat in seiner Laufbahn für Ferrari, McLaren und Alpine gearbeitet und dazwischen eine prägende Rolle beim Automobil-Weltverband ausgefüllt. Er ist Ingenieur, kein Marketingmann – und genau das dürfte der Punkt sein.
Bei Alpine verantwortete Budkowski als Executive Director den technischen Bereich, bevor er den Rennstall 2022 verließ. Sein Profil passt zu einem Team, das technisch noch keine belastbare Basis hat: Aerodynamik, Entwicklungsprozesse, Windkanal-Effizienz. Wenn Cadillac in der zweiten Saison den Anschluss ans Mittelfeld schaffen will, muss genau dort etwas passieren.
Sein erstes Rennen als Teamchef ist der Große Preis der Niederlande in Zandvoort am 21. bis 23. August. Viel Zeit zur Einarbeitung bleibt nicht – und die Erwartungshaltung ist nach einem Rauswurf dieser Art naturgemäß hoch.
Was das für den Rest der Saison heißt – und der Wettblick
Kurzfristig wird sich am Auto nichts ändern. Ein Formel-1-Chassis entwickelt man nicht in zwei Wochen um, und die verbleibenden Rennen der Saison 2026 werden für Cadillac weiterhin ein Kampf im hinteren Feld. Der Wechsel zielt auf 2027, nicht auf Zandvoort.
Für Wettfreunde bleibt Cadillac damit ein Team, das man in klassischen Siegwetten oder Podiumsmärkten getrost ignorieren kann. Interessanter sind Konstrukteurs-Duellwetten und Head-to-Head-Märkte zwischen den Teams am Tabellenende. Genau dort können sich nach einem Führungswechsel kurzfristige Verschiebungen ergeben, weil sich Strategieentscheidungen an der Box unter neuer Leitung häufig ändern.
Auch die Fahrer-Duelle innerhalb des Teams lohnen einen Blick. Neue Teamchefs bewerten Fahrerpaarungen oft anders als ihre Vorgänger, was sich in Einsatzzeiten, Testprogrammen und Strategiebevorzugungen niederschlägt. Wer die ersten Rennen unter Budkowski genau beobachtet, erkennt schnell, ob sich intern eine Hierarchie verschiebt – und kann diese Information nutzen, bevor die Buchmacher sie einpreisen.