Ein Testspiel im August entscheidet gar nichts. Aber es zeigt, wo eine Mannschaft steht – und Leverkusen steht gerade zwischen zwei Systemen. Wer darauf in Woche eins der Saison wettet, sollte wissen: Diese Werkself braucht Zeit, die ihr in Leverkusen traditionell niemand gibt.

Leverkusen verliert erstmals in der Vorbereitung – ausgerechnet zum Schluss
Bis Mittwochabend war die Bilanz makellos. Kein Test verloren, ordentliche Ergebnisse, ruhige Vorbereitung. Dann kam das City Ground.
Nach vier Minuten stand es schon 0:1, Dan Ndoye traf per Volley aus kurzer Distanz. Patrik Schick glich in der 33. Minute per Kopf aus, Leverkusen kam besser ins Spiel, hatte Phasen. Und kassierte in der 90. Minute durch Arnaud Kalimuendo trotzdem den Nackenschlag. Forest hatte zuvor drei Testspiele in Folge verloren. Ausgerechnet gegen Bayer klappte es.
Klingt nach einer Randnotiz. Ist es in Leverkusen aber nicht. Denn der Kontext ist unangenehm.
Martínez Novell erbt eine Baustelle – und eine Erwartung, die keiner erfüllen kann
Der 42-jährige Katalane übernahm zum 1. Juli, Vertrag bis 2028, ablösefrei aus Toulouse. Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes lobte bei der Vorstellung seine klaren Prinzipien und seine Arbeit mit jungen Spielern. Was Rolfes nicht sagte, aber jeder weiß: Martínez ist der dritte Cheftrainer seit Xabi Alonso. Ten Hag hielt zwei Spieltage. Hjulmand knapp eine Saison. Am Ende stand Rang sechs – und die Europa League statt der Königsklasse.
Dazu ein Kader, der spürbar verändert wurde. Alejandro Grimaldo ging für rund 25 Millionen Euro zu Atlético Madrid, Piero Hincapié für 40 Millionen zu Arsenal. Als Ersatz auf links kam Miguel Gutiérrez von der SSC Neapel, rund 30 Millionen inklusive Boni, Vertrag bis 2031. Rolfes nannte ihn die “absolute Wunschlösung”. Nur: Ein Linksverteidiger ersetzt keine zwei Stammkräfte, und eine Spielidee lässt sich nicht in sechs Wochen implantieren.
Genau da liegt das Problem. Nicht bei Martínez. Sondern bei der Uhr.
Am Samstag, 22. August, geht es im DFB-Pokal zum SV Wehen Wiesbaden, Anpfiff 13 Uhr. Eine Woche später startet die Bundesliga beim Aufsteiger SV Elversberg – 10.000 Zuschauer, enge Bude, exakt die Sorte Auswärtsspiel, die eine unfertige Mannschaft zerlegt. Zwei Partien, in denen Bayer nur verlieren kann. Und ein Trainer, den hierzulande vor zehn Wochen kaum jemand kannte.
Ob das reicht, um von “Zerfall” zu sprechen? Sicher nicht. Aber Leverkusen hat sich mit dem Double 2024 eine Messlatte gelegt, die inzwischen wie ein Vorwurf über der BayArena hängt. Wer dort arbeitet, wird an Alonso gemessen – auch drei Trainer später.