Wie das deutsche Fußball-Internet auf den WM-Kader 2026 reagiert
“Sané statt El Mala – kann das sein, Alter?”
Wenn man als Stimmungsbarometer fürs deutsche Fußballherz nimmt, dann ist die Diagnose nach Bekanntgabe des WM-Kaders eindeutig: flatline. Hunderte Kommentare, ein gemeinsamer Tenor – Frust, Sarkasmus, Resignation. Nicht der gesunde Hassliebe-Frust, den man als deutscher Fußballfan ohnehin abonniert hat, sondern eine müde Variante davon. “Ich verspüre absolut 0 Vorfreude auf das Turnier” steht da, und darunter schreibt einer: “Zum Glück sind die Anstoßzeiten so beschissen. Dann kommt man nicht in der Verlegenheit aus Versehen einzuschalten.”
Das ist das Setting. Jetzt im Detail, warum es so weit gekommen ist.
Der Hauptdarsteller des Frusts: Leroy Sané
Kein Spielername wird in den Kommentaren öfter erwähnt als Sané – und so gut wie nie positiv. Die Bandbreite reicht von ungläubigem “Sane? Sane? Dicka komm mal klar” bis zu Verschwörungstheorien: “Sane muss Nacktfotos von Nagelsmann in der Hand haben.” Ein anderer schreibt: “Was hat Sané eigentlich gegen Nagelsmann in der Hand, dass der den noch mitnimmt? Da muss ja Erpressung dahinter stecken.”
Warum die Aufregung? Sané ist im Sommer 2025 zu Galatasaray gewechselt und damit aus dem Schaufenster der Top-5-Ligen verschwunden. Wenn man sich seine Saison anschaut, wird klar, warum so viele das nicht verstehen.
Der Staistikt-Vergleich, den das Internet eingefordert hat
Leroy Sané vs. Said El Mala – Saison 2025/26.
Sané (Galatasaray, Süper Lig):
- 27 Spiele, ca. 2.199 Minuten
- 7 Tore, 5 Vorlagen (12 Scorerpunkte)
- 0,29 Tore pro 90 Minuten, Goal Involvement 0,49 pro 90
- Schussquote aufs Tor: 34,78 % (16 von 46 Schüssen)
-
- in der internen Galatasaray-Torschützenliste (hinter u.a. Icardi und Osimhen)
El Mala (1. FC Köln, Bundesliga):
- 34 Spiele, 1.957 Minuten
- 13 Tore, 4 Vorlagen (17 Scorerpunkte)
- 19 Jahre alt, Debütsaison in der Bundesliga
- Zweitbester deutscher Bundesliga-Scorer der Saison – nur Deniz Undav (Stuttgart) hat als Deutscher mehr Tore in der Bundesliga geschossen
- Bundesliga-U21-Team of the Season
Das Bild dahinter: El Mala spielt bei einem Aufsteiger, der unter Coach-Wechseln zu kämpfen hatte (Kwasniok wurde durch René Wagner ersetzt), und ist trotzdem nicht nur dabei, sondern Köln’s “brightest spark” laut Bundesliga.com. Sané dagegen ist bei Galatasaray hinter Icardi, Osimhen und anderen einsortiert. Ein Kölner User auf Reddit hat das in den Kommentaren so aufgedröselt: “El Mala hat fast doppelt so viele Tore in weniger Spielzeit mit einem schlechteren Verein. Ich kann nicht verstehen, warum Sané hier mit darf.”
Fairerweise: Sané sammelt auch noch Champions-League-Minuten und hat in 10 CL-Spielen 2 Assists beigesteuert, das fällt in der reinen Süper-Lig-Tabelle hinten runter. Aber die Bundesliga ist eben qualitativ deutlich über der Süper Lig anzusiedeln, und genau deshalb wirkt die Sané-Nominierung auf viele wie ein Festkleben an alten Namen.
“Mal ehrlich: Wer den Markt bei Sané als Torschützen im ersten Gruppenspiel anschaut, sieht Quoten um die 6,50 – und das ist verdient. Bei El Mala wäre die Quote ähnlich gewesen, aber mit deutlich besserem Value, weil der Junge an guten Tagen aus dem Nichts trifft. Statt eines 19-jährigen, der noch hungrig ist, schicken wir einen 30-Jährigen ins Turnier, der die letzten 12 Monate in der zweitschwächsten Liga Westeuropas unterwegs war. Wer da ernsthaft eine Aussenseiterwette auf Deutschland legt, hat in mir einen Freund – aber keinen, der mitwettet.”
“Leistungsprinzip, wo?” – das Meme der Stunde
Diese drei Wörter ziehen sich wie ein Schmerzschrei durch den Thread. Nagelsmann hatte den Begriff selbst monatelang gepredigt. Jetzt ist er die ironische Pointe unter halb r/fussball. Der beste Kommentar dazu kommt knochentrocken: “Leistungsprinzip galt für Nagelsmann nur während der Probezeit.”
Ein anderer User bringt die wahrgenommene Diskrepanz auf die Formel: “Statt Rüdiger, Groß und Sané – Ginter, Bischof und El Mala.” Genau dieses Wunschpaket taucht in dutzenden Varianten auf. Hinzu kommen Stach, Führich, Tresoldi, Bisseck, Atubolu – die ganze “Was wäre wenn”-Generation des deutschen Fußballs.
Rüdiger, Goretzka und das Neuer-Comeback
Sané ist nicht der einzige Aufreger. Antonio Rüdiger zieht ähnlich viel Hohn – weniger sportlich, mehr wegen seines Auftretens. “Rüdiger ist doch so schnell gesperrt, den sieht man nicht lange”, schreibt einer und fasst damit das halbe Stadion zusammen. Ein anderer kommentiert sarkastisch zu Rüdigers Real-Saison: “Stand in der CL 15 % der Minuten auf dem Platz und hat auch im DFB-Dress oft genug bewiesen, dass es nicht reicht.”
Goretzka wird mitgezogen, ist aber nicht der eigentliche Hass-Träger – eher das Symbol für eine Linie, die Nagelsmann nicht zieht. “Nagelsmann hat nur angetäuscht etwas anders zu machen und ist direkt wieder zurück zu Goretzka, Sané, Rüdiger und Neuer. Wahrscheinlich hat er sogar bei Kroos geklopft, ob er nicht auch noch mal Lust hat.”
Und dann Manuel Neuer, das vielleicht heißeste Eisen. Seit der schweren Verletzung von Marc-André ter Stegen vor knapp einem Dreivierteljahr habe Nagelsmann an Neuer “gebaggert” und währenddessen die eigentliche Nummer eins, Oliver Baumann, angelogen, schreibt ein User. Das passt zur generellen Wahrnehmung: Da wird kein neuer Kader gebaut, da wird ein alter konserviert.
Der bittere Vergleich mit 2014
Eine ganze Sub-Diskussion dreht sich darum, wie sehr dieser Kader sich vom 2014er-Weltmeisterkader unterscheidet. “Im Vergleich zu 2014 kann der Kader eigentlich nur Scheiße sein, muss man fairerweise sagen”, schreibt einer – und kriegt dafür viel Zustimmung. Ein anderer relativiert: “2014 hatten wir Mustafi, Großkreutz, Durm und Kramer im Kader, das waren auch keine Weltklassespieler.” Aber die Konter-Antwort kommt schnell: Der Unterschied liegt nicht im Backup, sondern in der Spitze. Neuer in Prime, Hummels, Özil, Kroos, Schweinsteiger – “das war einfach die goldene Generation in ihrer Prime.”
Und der vielleicht zynischste Kommentar: “Die Löw-Jahre waren im Nachhinein die besten der N11.” Ein Satz, der vor zehn Jahren als Witz durchgegangen wäre. Heute wird er mit 34 Upvotes belohnt.
Was bleibt? Musiala, Wirtz – und Hoffnung wider besseres Wissen
Bei allem Frust gibt es kleine Lichtblicke. Amiri, Karl, Undav, Beier und Stiller werden mehrfach positiv erwähnt. Die Mittelfeld- und Sturm-Achse mit Musiala, Wirtz, Karl, Undav, Woltemade klingt für manche dann doch “schon nice”, wie ein User es formuliert. Aber das schöne Wort dazu kommt mit dem Vorbehalt: “Große Namen, aber aktuell (außer Undav) wenig Form.”
Die Realisten haben sich auf das ausgemacht-frühe WM-Aus bereits eingestellt. “Nagelsmann hat wohl schon Urlaub gebucht, wenn es nach dem Achtelfinale gegen Frankreich nach Hause geht”, schreibt einer. Ein anderer prognostiziert ausführlich: zwei Eigentore Thiaw, eine Rote für Rüdiger, ein Traumtor Musiala, “31 Abseitspositionen von Sané” und ein Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay.
Das große Ganze
Was diese Reddit-Stimmung so eindeutig macht, ist nicht die Wut auf einzelne Spieler. Es ist das Gefühl, dass nichts gelernt wurde. Nach der EM 2024, nach der WM 2022, nach der WM 2018. Immer wieder das gleiche Schema: alte Namen, ausrechenbares Spielsystem, ausweichende Trainer-PR. “Die letzten Jahre von Löw bis heute ist einfach 0 Unterschied”, schreibt einer trocken.
Vielleicht wird die WM ja besser als der Vibe vorher. Vielleicht zaubert Wirtz, Musiala bleibt fit, El Mala wird auf der Bank vergessen und niemand erinnert sich daran. Oder es kommt genau wie befürchtet – und dann steht in einer Reddit-Analyse im Sommer 2026 der Satz: “Wir werden uns die nächsten Wochen in Ruhe anschauen, woran es gelegen haben könnte.” Den hat ein User schon jetzt vorausgesagt. “Nachdem wir wieder ausgeschieden sind, wird natürlich wie üblich gekonnt ignoriert, dass bereits alle wussten, woran es gelegen haben wird.”
Vorfreude geht anders. Aber dafür haben wir ja noch Frankreich, Spanien, Argentinien und Brasilien. So ein User schreibt das jedenfalls. Und in dem einen Punkt sind sich auf Reddit dann doch erstaunlich viele einig.