Spanien braucht keine Einzelkönner, Spanien braucht 90 Minuten den Ball. Frankreich hat ihn freiwillig hergegeben. Dass Mbappé danach selbst am lautesten schimpft, sagt alles über diesen Abend.

Spanien kontrolliert, Frankreich findet nicht statt
Es dauerte 22 Minuten. Dann verwandelte Mikel Oyarzabal einen Foulelfmeter – Lucas Digne hatte Lamine Yamal von den Beinen geholt. In der 58. Minute schob Pedro Porro zum 2:0 nach. Das war der Deckel. Spanien ließ Ball und Gegner laufen, kassierte im ganzen Turnier bis dahin nur ein einziges Gegentor und nahm Frankreichs gefürchteten Dreizack komplett aus dem Spiel. Mbappé, Dembélé, Olise – abgemeldet.
Kurios: Ausgerechnet der bis dahin überragende Mbappé tauchte im wichtigsten Spiel ab. Acht Turniertreffer, weiter Kopf an Kopf mit Messi um den Goldenen Schuh – und trotzdem kein einziger Abschluss, der die Furia Roja wehtat. In der 86. Minute rannte er entnervt in Keeper Unai Simón. Gelb. Sinnbild eines Abends zum Vergessen.
Dabei war Frankreich als Topfavorit angereist, hatte die ersten sechs Spiele dominiert. Gegen Spanien reichte das Offensivfeuerwerk plötzlich nicht. Es ist bereits die dritte Pflichtspiel-Niederlage der Bleus gegen die Iberer in Folge. Ein Muster, kein Ausrutscher.
Mbappé rechnet ab – und trifft auch Deschamps
Nach dem Abpfiff ging der Kapitän hart mit dem eigenen Auftritt ins Gericht. „Wir haben nicht das Spiel gemacht, das wir machen wollten, weder taktisch noch technisch”, sagte Mbappé beim Sender M6. „Und wenn du in einem WM-Halbfinale nicht das machst, was du machen sollst, gewinnst du nicht.” Selbst bei Ballgewinnen sei die erste Berührung zu ungenau gewesen, gab er zu – und genau das koste am Ende das Spiel. Schonungslos. Ehrlich. Und zwischen den Zeilen ein Seitenhieb auf den Trainer: Im Mittelfeld habe man drei gegen zwei gepresst, gegen Spanien sei das schwierig. Übersetzt: Der Matchplan stimmte nicht.
Didier Deschamps richtete den Blick lieber auf den Unparteiischen und fragte öffentlich, ob Iván Barton aus El Salvador „die Klasse für ein WM-Halbfinale” mitgebracht habe. Ein Nebenschauplatz – und ein bitterer Abgang für den WM-Rekordtrainer, der sein Amt nach dem Turnier an Zinédine Zidane übergibt. Sein letztes Spiel wird das kleine Finale am Samstag in Miami. Um mehr als Platz drei geht es für Frankreich nicht mehr. Spanien dagegen greift am Sonntag in New York nach dem zweiten WM-Titel der Geschichte – gegen den Sieger aus England gegen Argentinien. Die Party steigt woanders.