Zwanzig Millionen einzunehmen ist keine Kunst, wenn man Kapitän, Spielmacher und Torwart gleichzeitig ziehen lässt. Die Kunst wäre gewesen, davon rechtzeitig etwas zu reinvestieren. Hertha eröffnet die Saison mit einem Kader, den Leitl selbst noch nicht kennt.

Reese, Eichhorn, Cuisance: Hertha hat sein halbes Gerüst verkauft
Die Liste liest sich wie eine Startelf. Kapitän Fabian Reese, der gefährlichste Mann über die Außenbahn, ging zu Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg. Michaël Cuisance, kreativer Mittelpunkt im Zentrum, wechselte zum französischen Erstligisten RC Lens. Stammtorwart Tjark Ernst zog es zu Feyenoord Rotterdam. Dazu Michal Karbownik und Dawid Kownacki.
Der schmerzhafteste Abgang ist gleichzeitig der lukrativste. Kennet Eichhorn, mit 16 Jahren bereits Stammspieler im defensiven Mittelfeld, kostete Bayer Leverkusen rund neun Millionen Euro. Insgesamt spülte der Sommer laut RevierSport etwa 20,5 Millionen Euro in die Berliner Kasse.
Wirtschaftlich sinnvoll? Absolut. Sportlich betrifft es allerdings jede Achse der Mannschaft gleichzeitig – Tor, Sechs, Zehn, Flügel. Wer nach dem verpassten Aufstieg (Platz sieben) auf Kontinuität gehofft hatte, bekam das Gegenteil.
Ein Leihspieler gegen zwölf Abgänge – reicht das in Bochum?
Wochenlang war Hertha der einzige Profiklub im deutschen Fußball ohne externen Neuzugang. Am 24. Juli endete die Warteschleife: Oluwaseun Adewumi kommt vom englischen Zweitligisten FC Burnley, ausgeliehen bis Saisonende, Rückennummer 19. Der 21-jährige österreichische U21-Nationalspieler traf vergangene Saison in 33 Einsätzen für Cercle Brügge sechsmal. Sportdirektor Benjamin Weber lobte seine Vielseitigkeit und sein Tempo.
Immerhin gibt es Bindungen: Josip Brekalo verlängerte bis 2028, Eigengewächs Julian Eitschberger ebenfalls langfristig. Und die Vereinsführung um CEO Peter Görlich verkauft die Lücke als Strategie – vier Kaderplätze sollen an Spieler aus der eigenen Akademie gehen, der sogenannte Berliner Weg. Klingt gut. Funktioniert aber nur, wenn die Talente sofort liefern.
Stefan Leitl hat den Zustand vor Wochen selbst beschrieben: “Wir sind immer noch im Konjunktiv unterwegs.” Ein Trainer, der zwei Wochen vor Saisonstart nicht weiß, wer im September noch da ist. Ein Kader, in dem laut Transfermarkt zeitweise nur 24 Spieler standen, etliche davon aus der zweiten Mannschaft. Und ein Stürmerproblem, das Sebastian Grønning allein lösen soll, weil Luca Schuler verletzt ist.
Der Gegner hat es anders gemacht. Bochum verstärkte sich unter Uwe Rösler mit Berkan Taz, Christian Rasmussen und Daniel Hanslik – überwiegend ablösefrei, aber eben rechtzeitig. Während Hertha auf den Markt Ende August hofft, wo Leihen und vertragslose Spieler günstiger werden, hat der VfL seine Automatismen längst eingeübt.
Freitagabend, 20:30 Uhr, ganze Liga schaut zu. Für einen Klub, der seit drei Jahren erklärt, jetzt sei der Umbruch abgeschlossen, ist das eine unangenehme Bühne.