Es gibt Turniere, die schreiben Geschichte. Die WM 2026 wird davon gleich mehrere schreiben – und eine davon hat nichts mit Toren, Titeln oder Taktik zu tun. Sie hat mit Geburtsjahren zu tun. Denn nie zuvor standen so viele alte Männer auf einem WM-Rasen. Alte Männer im besten Sinne: Männer, die das Fußballgeschäft so lange überlebt haben, dass ihre Jahrgangskollegen längst Co-Trainer, TV-Experten oder Sportdirektoren sind. Gordon, Modric, Ronaldo, Neuer. Alle noch dabei. Alle komplett unvernünftig – auf die beste Art, die der Fußball kennt.
Gordon 43, Modric 41, Ronaldo 41, Neuer 40 – zusammen sind die vier älter als die UEFA. Ich rechne damit, dass wenigstens einer von ihnen während des Turniers eine Knieprothese bekommt. Und trotzdem weiterspielt.
Craig Gordon: Mit 43 Jahren der älteste Spieler der ganzen WM
Craig Gordon wurde im Dezember 1982 geboren. Er ist damit älter als Cristiano Ronaldo, älter als Luka Modric – und der älteste Spieler der gesamten WM 2026. Wer den Vergleich sucht: Nur Essam El Hadary, der ägyptische Torhüter, der 2018 mit 45 Jahren spielte, war bei einer WM je älter. Gordon ist 43. Er steht im Kader. Er ist dabei.
Schottland ist zum ersten Mal seit 1998 bei einer WM – und Gordon hat eine Verletzung hinter sich, sein Trainer Steve Clarke hat ihn trotzdem mitgenommen: “Er verdient seinen Platz.” Das ist der Satz, den Veteranen hören, wenn es eigentlich keine sportliche Begründung mehr gibt – und der trotzdem stimmt, weil Klasse kein Ablaufdatum hat.
Ob Gordon spielt, ist offen. Dass er dabei ist, ist historisch. Schottland, die WM, 43 Jahre alt – das schreibt sich von selbst.
Luka Modric: Der Mann, der einfach nicht aufhört
Luka Modric wurde am 9. Mai 1985 geboren. Das bedeutet: Er ist älter als das Internet in seiner heutigen Form. Älter als das erste Nokia-Handy. Älter als das Bosman-Urteil, das den europäischen Transfermarkt revolutioniert hat. Und trotzdem steht Modric 2026 für Kroatien auf dem Platz – und spielt immer noch besser als 90 Prozent aller Mittelfeldspieler, die zwanzig Jahre jünger sind als er.
Modric hat die WM 2018 ins Finale geführt. Er hat den Ballon d’Or gewonnen, als alle dachten, die Erde drehe sich nur um Messi und Ronaldo. Er hat Real Madrid mehr Champions-League-Titel eingebracht als mancher Verein in seiner gesamten Geschichte gesammelt hat. Und jetzt, mit 41, spielt er seine letzte WM. Vermutlich. Man hat das schon 2022 gedacht.
Kroatien ohne Modric ist wie ein Orchester ohne Dirigenten. Alle können spielen – aber niemand weiß mehr genau, wann und warum. Solange er auf dem Platz steht, ist Kroatien ein Turnierteam.
Cristiano Ronaldo: CR7 wird CR41 – und hört trotzdem nicht auf
CR7 ist mittlerweile CR41. Cristiano Ronaldo, geboren am 5. Februar 1985, ist das ausdauerndste Phänomen, das der Fußball je hervorgebracht hat. Fünf Weltfußballertitel. Mehr Länderspieltore als jeder andere Spieler der Geschichte. Eine Karriere, die so viele Kapitel hat, dass sie inzwischen ein eigenes Genre ist.
Er spielt in Saudi-Arabien, hat damit den Schwierigkeitsgrad seiner Vereinsliga deutlich angepasst – und ist trotzdem bei der WM dabei, weil er für Portugal schlicht unersetzlich ist. Oder weil niemand den Mut hat, ihm zu sagen, dass er aufhören soll. Wahrscheinlich beides gleichzeitig.
Ronaldo bei der WM 2026: Es ist sein sechstes Turnier. Pelé hat drei gespielt. Maradona auch. Ronaldo macht doppelt so viele wie Maradona. Das ist entweder historisch oder absurd. Beides trifft es ganz gut.
Manuel Neuer: Das Denkmal zwischen den Pfosten
Und dann ist da noch Manuel Neuer. 40 Jahre alt. Immer noch Stammtorhüter der deutschen Nationalmannschaft. Immer noch einer der besten Torhüter der Welt – zumindest wenn man Nagelsmann fragt, der die Diskussion um Neuers Nachfolge so konsequent ignoriert wie Neuer selbst die Rente.
Neuer ist seit 2009 Nationaltorwart. Das sind 17 Jahre. In dieser Zeit haben zehn verschiedene Trainer die deutsche Nationalmannschaft betreut, vier Weltmeisterschaften stattgefunden und ein kompletter Generationswechsel im deutschen Fußball stattgefunden. Nur Neuer ist geblieben. Wie ein Denkmal, das sich selbst aufgestellt hat – und das keiner abzureißen wagt, weil er immer noch Bälle hält, die andere nicht halten würden.
2026 ist Neuers letzte echte Chance auf einen zweiten WM-Titel. Das weiß er. Nagelsmann weiß es. Das ganze Land weiß es. Die Frage ist bloß: Hält der Körper mit, was der Kopf schon längst entschieden hat?
Was diese vier verbindet – außer dem Alter
Gordon, Modric, Ronaldo, Neuer. Vier verschiedene Länder. Vier verschiedene Positionen. Vier verschiedene Karrieren. Und doch eint sie etwas, das weit über Geburtsjahrgang und Statistiken hinausgeht: Sie alle spielen trotz allem noch. Trotz der Jahre, trotz der Verletzungen, trotz der jüngeren Konkurrenz, die nachdrängt und wartet.
Man kann das Sturheit nennen. Man kann es Größenwahn nennen. Oder man nennt es das, was es in Wirklichkeit ist: Klasse. Echte Klasse verschwindet nicht mit den Jahren. Sie wird konzentrierter. Ruhiger. Selektiver. Und manchmal entscheidet sie trotzdem noch über Weltmeisterschaften.
Die WM 2026 wird ihr letztes großes Turnier sein. Für alle vier. Wahrscheinlich. Man hat das schon einmal gedacht. Aber dieses Mal stimmt es wirklich. Wahrscheinlich.