Nach dem 0:2-Schock gegen Australien muss die Türkei am Samstag gegen Paraguay ran — 5 Uhr morgens MESZ, Levi’s Stadium, San José. Kein Sieg, kein Achtelfinale. Und der Trainer, der seine Juwelen noch immer schont.
Um kurz nach sieben Uhr morgens war es in der Charlottenburger Bar „Pustebacke” sehr still. Die rund hundert Menschen, die sich dort für das Spiel eingefunden hatten, starrten auf die Bildschirme. Connor Metcalfe, Bundesliga-Absteiger vom FC St. Pauli, hatte gerade das 2:0 für Australien erzielt. Die Trikots, die Wochen zuvor reservierten Plätze, die Teegläser, die seit kurz vor sechs Uhr heiß liefen — all das für 90 Minuten kollektive Ratlosigkeit vor einem Haufen Australier, die kein Mensch auf der Rechnung hatte.
Die angekündigten Autokorsos in Berlin blieben aus.
Das war der 14. Juni 2026. Jetzt, sechs Tage später, steht die türkische Nationalmannschaft mit leerem Blick am Abgrund der Gruppenphase. Samstag, 5 Uhr morgens MESZ, Levi’s Stadium in der San Francisco Bay Area: Türkei gegen Paraguay. Kein Sieg, kein Achtelfinale. Denn die Gruppe hat sich, während Vincenzo Montella über seine Aufstellungsentscheidungen nachdenken musste, dramatisch sortiert: Die USA schossen Paraguay beim Auftakt mit 4:1 aus dem Stadion. Australien steht mit drei Punkten auf Rang zwei. Türkei und Paraguay haben noch nichts. Beide brauchen den Sieg.
Das ist die bitterste aller möglichen Konstellationen für eine Mannschaft, die mit dem Anspruch auf das Achtelfinale — mindestens — in dieses Turnier gegangen war. Die erste WM-Teilnahme seit 24 Jahren. Das erste Mal seit dem sensationellen dritten Platz 2002 in Japan und Südkorea. Eine ganze Generation hat auf diesen Moment gewartet.
78 Prozent Ballbesitz, null Tore
Wer die Statistiken des Australien-Spiels liest, versteht zunächst nicht, wie das möglich war. Die Türkei hatte 78 Prozent Ballbesitz. Dreißig Abschlüsse. Dreißig — so viele wie keine andere Mannschaft in diesem Turnier bislang in einem Spiel. Und keiner davon landete im Netz. Australien lauerte, kassierte brav den Ballbesitz, und als Nestory Irankunda nach einem türkischen Ballverlust in der 27. Minute allein auf das Tor zulief, war die Restverteidigung mit einem einzigen Konter ausgehebelt.
Montella erkannte das Problem. „Wir wussten um ihre defensive Stärke, konnten sie aber nicht überwinden. 78 Prozent Ballbesitz und 30 Schüsse reichen nicht, wenn man das Tor nicht trifft.” Das war ehrlich. Zu ehrlich vielleicht, weil es die Frage aufwarf: Wenn man das schon wusste — warum dann kein Plan B?
Den hatte Montella nicht. Oder er traute ihm nicht. Als in der 80. Minute ein 0:2 auf der Anzeigetafel stand, wechselte er zweimal — und beide Male defensiv. Salih Özcan kam für Ismail Yüksek im Mittelfeld, Mert Müldür für Zeki Çelik rechts hinten. Positionsgetreue Wechsel bei einem Rückstand, der nur durch Angriffsfußball aufzuholen gewesen wäre.
Nihat Kahveci, einst selbst Teil des Teams von 2002, ließ an Montella kein gutes Haar: „Es gab niemanden, der irgendetwas richtig gemacht hat. Wir konnten nicht einmal ansatzweise das Spiel zeigen, das man von uns erwartet.” Zum Trainer direkt: „In diesem Moment ist er für mich durchgefallen.” Montellas Verteidigung klang vertraut — Güler und Çalhanoğlu hätten schon lange keine 90 Minuten gespielt, man habe die Konter absichern wollen. Es ist eine Begründung, die der Trainer in ähnlicher Form schon bei der EM 2024 benutzte, als er Güler auf der Bank ließ.
Es ist ein Muster.
Der Balkon und der Kapitän
Vor dem Spiel gegen Australien machte ein Video die Runde in türkischsprachigen Social-Media-Kanälen, das Nationalspieler rauchend auf einem Hotelbalkon zeigen soll. Ob die Szene eindeutig dem WM-Camp zuzuordnen ist, blieb unklar — aber der Schaden an der Stimmung war da, noch bevor ein Ball gerollt war.
Çalhanoğlu redete danach so, wie Kapitäne reden müssen. „Jeder muss besser und disziplinierter spielen.” Er blickte nach vorne: „Manchmal ist es gut, einen Schlag einzustecken, um wieder auf die Beine zu kommen.” Richtige Worte. Auch die, die man nach solchen Niederlagen immer hört.
Çalhanoğlu selbst ist ein besonderes Kapitel. Der Kapitän, der aus Mannheim kommt, über Karlsruhe und den HSV und Bayer Leverkusen nach Mailand fand, ist der Taktgeber dieses Teams — der Mann, der das Spiel über Timing und Spielintelligenz liest, nicht über Dynamik. Einer der besten Standardschützen Europas. Gegen Australien blieb er blass. Das liegt nicht nur an ihm.
Die Talente, die endlich spielen müssen
Kenan Yıldız ist 22 Jahre alt, wurde in Regensburg geboren, spielte in der Jugend des FC Bayern und schaffte bei Juventus den Sprung in den europäischen Spitzenfußball. Er startet meist von links, zieht in den Halbraum oder in die Tiefe und hat guten Zug zum Tor. Marktwert: rund 75 Millionen Euro. Gegen Australien saß er zunächst auf der Bank. Für Paraguay, so berichten türkische Medien übereinstimmend, plant Montella fest mit Yıldız in der Startelf.
Dann ist da noch Can Uzun, 21, zuletzt bei Eintracht Frankfurt. Seine Physis, sein Antritt, sein Durchsetzungsvermögen könnten genau das sein, was das türkische Spiel im letzten Drittel vermisste — jemanden, der im Strafraum auch gegen Körper hält. Viele Beobachter plädieren für ein 4-4-2 mit einem klassischen Strafraumstürmer wie Deniz Gül, 1,92 Meter groß, als Alternative zum bisherigen System.
Gegen Paraguay braucht die Türkei mehr Tempo im letzten Drittel, mehr Präsenz im Strafraum und vor allem eine effizientere Chancenverwertung. Die Ideenlosigkeit aus dem Australien-Spiel darf sich nicht wiederholen. Die Frage ist nicht, ob Montella das erkennt. Er erkennt es. Die Frage ist, ob er den Mut hat, das System zu kippen.
Der Erbe, der noch warten muss
Es ist eine der großen Ironien dieser Weltmeisterschaft: Während in Kansas City ein 38-jähriger Mann aus Rosario beim Auftakt seines letzten Turniers gegen Algerien drei Tore schoss und damit den WM-Torrekord von Miroslav Klose einstellte, wartete in Vancouver derjenige, den manche als seinen Nachfolger bezeichnen, auf seinen ersten ernsthaften Abschluss.
„Neue Messis” sind längst keine Seltenheit mehr. Nahezu jedes Offensivwunderkind mit halbwegs ordentlichen Dribblingfähigkeiten wird mit dem Argentinier verglichen. Auch in der Türkei gab es schon einmal einen „türkischen Messi”, der abstürzte — Emre Mor, ein Name, der in Istanbul selten freiwillig fällt. Güler soll anders werden.
Wer ihn spielen sieht, versteht den Vergleich sofort. Derselbe tiefe Schwerpunkt, dieselbe Fähigkeit, auf engstem Raum einen Schritt zu finden, den niemand erwartet. Der linke Fuß, der sich anfühlt, als wäre er direkt am Spielhirn verdrahtet. Güler selbst hat Messi nie als Vorbild genannt — seine Helden heißen Guti, Ronaldo und Mesut Özil. Aber der Vergleich folgt ihm seit er 16 ist.
In Vancouver war davon wenig zu sehen. Montella stellte ihn auf der rechten Außenbahn auf, einer Position, die für Güler etwa so intuitiv ist wie für Messi der defensive Mittelfeldspieler. Er setzte ein paar Akzente, blieb aber blass. Während der 38-jährige Argentinier in seinem 200. Länderspiel Geschichte schrieb, lief Güler auf einer falschen Position seiner besten WM-Partie hinterher.
Das Gute daran: Es ist erst das erste Spiel. Messi erzielte seinen Hattrick mit absoluter Selbstverständlichkeit, obwohl er sich erst kurz zuvor von einer Muskelverletzung erholt hatte. Güler ist 21. Wenn Montella ihn am Samstag endlich zentral aufstellt — dort, wo er denkt und nicht nur rennt — könnten die nächsten Tage zeigen, ob an diesem Vergleich mehr dran ist als Hype.
Paraguay hat auch Hunger
Man darf nicht vergessen, worum es auf der anderen Seite geht. Paraguay ist nach 16 Jahren Abwesenheit wieder bei einer WM. 2010 war man Viertelfinallist — ein Erfolg, der im südamerikanischen Gedächtnis immer noch leuchtet. Trainer Gustavo Alfaro hatte Ecuador bereits 2022 zur Endrunde geführt. Er weiß, wie man ein Team mit bescheidenen Mitteln und maximaler Disziplin ins Turnier bringt.
Das 1:4 gegen die USA hat Paraguays Abwehrstatistik ruiniert, aber auch gezeigt: Sie können Tore schießen. Es ist eine Mannschaft, die tief steht und geduldig wartet — genau das, was die Türkei in Vancouver nicht überwinden konnte. Der einzige Unterschied: Paraguay muss jetzt zwingend gewinnen. Das öffnet Räume.
Türkei gegen Paraguay — Wettquoten im Vergleich
WM 2026 · Gruppe D · 2. Spieltag
⭐ Wettquoten: Türkei – Paraguay
Samstag, 20. Juni 2026 · 05:00 Uhr (MESZ) · Levi’s Stadium, San José
| Rang | Wettanbieter | Sieg Türkei | Unentschieden | Sieg Paraguay |
|---|---|---|---|---|
| 🥇 1 | LeoVegas | 2.23 | ~3.40 | ~3.60 |
| 🥈 2 | Winamax | 2.10 | 3.30 | 3.80 |
| 🥉 3 | Tipico | 2.00 | 3.30 | 4.00 |
| 4 | Betano | 1.95 | 3.40 | 3.60 |
| 5 | bet365 | 1.95 | 3.40 | 3.75 |
Stand: 19. Juni 2026 · Alle Quoten ohne Gewähr, Änderungen bis zum Anpfiff möglich.
Glücksspiel kann süchtig machen — Hilfe unter bzga.de und der Telefonberatung 0800 1 37 27 00. Teilnahme ab 18 Jahren.
Fünf Uhr morgens ist die ehrlichste Zeit
Es gibt etwas Klärendes an Spielen um fünf Uhr früh. Wer um diese Zeit zuschaut, tut es aus einem Grund: weil es ihm nicht egal ist. Hunderttausende Türkeistämmige in Deutschland werden das Spiel verfolgen — ob in Frankfurt-Gallus oder in Berliner Teestuben oder mit dem Handy unter der Bettdecke. Die Autokorsos, die nach Vancouver ausblieben, könnten nach San José folgen.
Türkische Fans klammern sich nach dem Fehlstart auch an ein historisches Muster: Argentinien verlor 2022 seinen WM-Auftakt gegen Saudi-Arabien und wurde am Ende Weltmeister. Das ist keine Garantie. Aber es zeigt, dass der erste Spieltag kein Urteil ist.
Ob Montella den Schalter umlegt — bei sich, bei der Aufstellung, beim System — entscheidet sich nicht auf einer Pressekonferenz. Es entscheidet sich, wenn Yıldız und Güler endlich von der ersten Minute an zusammen auf dem Platz stehen. Und wenn Çalhanoğlu nicht wieder zu hören bekommt, er sei für volle 90 Minuten zu müde.
Die Milli Takım hat die Spieler. Was ihr fehlt, ist der Mut, sie ohne Sicherheitsnetz einzusetzen.
Häufige Fragen: Türkei gegen Paraguay WM 2026
Wann und wo spielt die Türkei gegen Paraguay bei der WM 2026?
Das Spiel findet am Samstag, den 20. Juni 2026, um 05:00 Uhr MESZ statt. Austragungsort ist das Levi’s Stadium in Santa Clara (San José Bay Area), Kalifornien. Anpfiff vor Ort ist um 20:00 Uhr Ortszeit (PDT).
Wo wird Türkei gegen Paraguay im deutschen TV übertragen?
Das Spiel läuft exklusiv bei MagentaTV, dem deutschen WM-Sender. ARD und ZDF übertragen dieses Gruppenspiel nicht. MagentaTV bietet zudem ein türkischsprachiges Kommentar-Angebot — besonders für Fans der Milli Takım interessant.
Wie stehen die Wettquoten für Türkei gegen Paraguay?
Die Buchmacher sehen die Türkei als leichten Favoriten. Die Siegquote für die Türkei liegt je nach Anbieter zwischen 1,95 und 2,23, ein Unentschieden wird mit rund 3,30 bis 3,40 notiert, ein Sieg Paraguays mit 3,60 bis 4,00. Die beste Türkei-Quote bietet aktuell LeoVegas mit 2,23 (Stand: 19. Juni 2026, Änderungen möglich).
Was bedeutet das Spiel für die Türkei in der WM-Gruppe D?
Nach der 0:2-Auftaktniederlage gegen Australien steht die Türkei mit null Punkten auf dem letzten Tabellenplatz der Gruppe D. Ein Sieg gegen Paraguay ist Pflicht, um die Chancen auf das Achtelfinale zu wahren. Auch Paraguay gewann kein Punkt — verliert es auch dieses Spiel, ist das Ausscheiden so gut wie sicher.
Welche Änderungen plant Trainer Montella gegen Paraguay?
Laut türkischen Medien plant Montella mindestens zwei bis drei Wechsel in der Startelf. Kenan Yıldız soll von Beginn an spielen, auf der rechten Abwehrseite dürfte Mert Müldür für Zeki Çelik beginnen. Im Mittelfeld stehen Can Uzun und Deniz Gül als Optionen für eine offensivere Ausrichtung bereit.
Haben Türkei und Paraguay schon einmal bei einer WM gespielt?
Nein — es ist das erste WM-Aufeinandertreffen beider Nationen. Das einzige bisher dokumentierte Pflichtspiel-Duell endete 1995 in einem torlosen Testspiel. Beide Mannschaften kehren nach langer Abwesenheit zu dieser Weltmeisterschaft zurück: die Türkei nach 24 Jahren, Paraguay nach 16 Jahren.
Spielt Arda Güler gegen Paraguay von Beginn an?
Ja, Güler stand auch gegen Australien in der Startelf — allerdings auf der ungewohnten Außenposition. Für das Paraguay-Spiel wird eine zentralere Rolle des Real-Madrid-Talents erwartet, was seiner natürlichen Position als Spielmacher im Halbraum deutlich besser entspräche.