Kahns alter Satz war nie auf dieses Spiel gemünzt, aber er passt wie die Faust aufs Auge. Dass gleich mehrere Spieler im Elfmeterschießen den Ball nicht haben wollten, spricht eine klare Sprache. Mentalität trainiert man nicht in zwölf Tagen Trainingslager – die bringt man mit, oder man lässt es gleich sein.
Nagelsmanns Bilanz: Zwölf Jahre Stillstand beim DFB
3:4 im Elfmeterschießen, 1:1 nach 120 Minuten. Paraguay, eigentlich Außenseiter, wirft Deutschland aus der WM 2026. Im Sechzehntelfinale. Gegen eine Mannschaft, die im deutschen Fußball bislang als Fußnote galt.
Julian Nagelsmann fand danach klare Worte. Zu klare, könnte man meinen: “Wir haben seit zwölf Jahren gar nichts gerissen. Es wäre vermessen zu sagen, wir gehören noch zur Weltspitze.” Ein Satz, der mehr über den Zustand des DFB verrät als jede Pressekonferenz zuvor.
Vor dem Spiel forderte Nagelsmann eine “Drecksack-Mentalität”. Auf dem Platz sah Deutschland davon nichts. Gehemmt, mutlos, von der Angst vor jedem Ballverlust gelähmt. Genau das meinte Kahn einst mit seinem berühmten “Eier”-Satz – und genau das fehlte im Bostoner Stadion.
Musiala raus, Undav rein: Der Fehlgriff, der alles kostete
Havertz verschießt. Woltemade verschießt. Tah verschießt. Drei Spieler, die Verantwortung übernehmen sollten, scheitern am Punkt. Führung sieht anders aus.
Die Ursachen liegen tiefer. Nmecha und Brown erst kurz vor dem Turnier in die Startelf berufen – kein eingespieltes Gerüst, keine Automatismen. Und dann die Entscheidung, Musiala für Undav aus der Startelf zu nehmen. Neun Ballkontakte in 63 Minuten. Nichts verband sich, nichts griff.
Über 80 Prozent Ballbesitz zeitweise, doch ohne Tempo und Tiefe. Paraguays tiefer Block verteidigte mühelos, was ohnehin nicht gefährlich wurde.
Bemerkenswert: Nagelsmann selbst sucht die Fehler woanders. Zu wenige Flanken, sagt er – bei tatsächlich 51 geschlagenen. Schiedsrichterleistung, Spielverzögerung. Nur nicht bei sich.
DFB-Präsident Neuendorf verspricht schonungslose Aufarbeitung nach der Rückkehr. Rudi Völler stellt sich noch hinter seinen Trainer. Ob das reicht? Nach diesem Auftritt wird “Weiter so” schwer zu vermitteln sein.