Halb Fußball-Europa hat Argentinien schon zum Weltmeister erklärt – bei einem Team, das seit Wochen zittert, patzt und erst in der Nachspielzeit gewinnt. Das ist kein Drehbuch, das ist Massenhysterie. Die Albiceleste ist zu schlagen, war es das ganze Turnier über. Wer dieses Finale schon abgehakt hat, hat entweder Messi zu viel zugetraut oder Spanien zu wenig.

Die Aura der Unvermeidbarkeit vor dem WM-Finale
Argentinien hat fünf WM-Halbfinals gespielt. Fünfmal stand die Albiceleste danach im Endspiel. Makellos. Dazu ein 39-jähriger Messi, der gegen England beide späten Tore auflegt, ein Trikot im Maradona-Blau von 1986 – die Bühne schreibt sich fast von selbst.
Nur: souverän war an diesem Weg fast nichts. Gegen England lag der Titelverteidiger 0:1 zurück, ehe Enzo Fernández (85.) und Lautaro Martínez (90.+2.) das Spiel in der Schlussphase drehten. Comeback-Könige, ja. Unaufhaltsame Übermannschaft? Eher ein Mythos, den das Turnier selbst nährt. Und Mythen wirken. Wer glaubt, gegen ein Drehbuch anzurennen, tritt anders an als gegen elf Spieler.
Dieses Gefühl der Unvermeidbarkeit hat sich diesmal in echten Zorn verwandelt. Unter dem Schlagwort „Argentina Out” fordern über sechs Millionen Unterzeichner auf argentinaout.com den Turnierausschluss des Weltmeisters. Die Kampagne wirft FIFA und Schiedsrichtern vor, Messi und sein Team systematisch zu bevorzugen – ausgelöst durch strittige VAR-Szenen gegen Ägypten und die Schweiz. Ägyptens Verband legte offiziell Protest ein, José Mourinho nannte das Achtelfinale einen „Raub am helllichten Tag”. Dass der französische Referee François Letexier danach von der Schiedsrichterliste gestrichen wurde, lasen viele als stilles Eingeständnis.
Die FIFA hält dagegen. Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina wies die Vorwürfe scharf zurück: Unbegründete Anschuldigungen hätten im Sport nichts verloren, kein Mensch könne Entscheidungen beeinflussen – „nicht einmal der FIFA-Präsident”.
Das Muster hinter dem Mythos – und Spaniens Chance
Belegen lässt sich keine Bevorzugung. Ein Muster lässt sich schon eher benennen: Argentinien gewinnt Endspiele nicht mit Zauberfußball, sondern mit Effizienz und eiskalter Nervenstärke in den letzten zehn Minuten. Gegen England lief es exakt so – 88 Minuten zäh, dann zwei Nadelstiche, Schluss. Genau dieses Muster füttert die Angst vor dem „unvermeidbaren” Finale. Wer glaubt, dass Argentinien am Ende immer irgendwie trifft, spielt schon vor dem Anpfiff mit halber Brust.
Doch die Rechnung hat einen Haken, und er heißt Spanien. Der Europameister hat im Halbfinale den Topfavoriten Frankreich ausgeschaltet – nicht mit Zittern, sondern mit Kontrolle. Eine Mannschaft, die den Ball behält, nimmt Messi genau das, was er zum Zaubern braucht: Räume und Umschaltmomente. Und anders als England hat Spanien keine 60 Jahre Titel-Trauma im Rucksack, das in der Schlussphase auf die Beine drückt.
Das Drehbuch existiert also nur im Kopf. Auf dem Rasen stehen elf Argentinier, die dieses Turnier über verwundbar waren – gegen Ägypten, gegen die Schweiz, gegen England. Ein Märchen wird ein Spiel erst, wenn der Gegner es glaubt. Spanien hat am Sonntag jeden Grund, nicht daran zu glauben.