Das 7:1 gegen Curaçao war eine Machtdemonstration – aber die echten Prüfungen kommen erst noch. Deutschland hat gezeigt, dass die Offensive mit Musiala und Wirtz zu den besten der Welt gehört. Defensiv gibt es aber noch Arbeit, und das werden die großen Gegner gnadenlos ausnutzen, wenn Nagelsmann das nicht schnell abstellt.
Brasilien blutet, England mahnt: Die WM-Welt urteilt über Nagelsmanns DFB-Team
In Brasilien haben sie das Ergebnis sofort erkannt. O Tempo schrieb von einem wiedererweckten Trauma, Folha de S. Paulo registrierte nüchtern, dass die Seleção damit einen historischen Rekord verloren hat: Deutschland ist jetzt die torreichste Nation in der WM-Geschichte – mit weniger Turnierteilnahmen. Das schmerzt. Und es war nicht mal gegen einen ernsthaften Gegner.
In England ließen The Sun und The Guardian das Spiel sehr unterschiedlich aufgehen. Die Sun bemühte Grimms Märchen – kein Happy End für Curaçao, brutale Lektion, Ende der Geschichte. Der Guardian war analytischer: Nagelsmann konnte sich freuen, dass Gefahr von überall auf dem Platz ausging, sechs verschiedene Torschützen, offensive Variabilität auf hohem Niveau. Aber der Hinweis folgte direkt: Ernsthaftere Prüfsteine stehen noch aus. Das ist keine Kritik. Das ist eine Warnung.
Defensive Anfälligkeit im Fokus: Was die USA und Argentinien aus dem 7:1 lesen
New York Times und The Athletic sahen das Spiel mit anderen Augen. Musiala, Wirtz, das Kombinationsspiel – all das wurde gelobt. Doch beide Medien kamen immer wieder auf denselben Moment zurück: das 1:1 durch Livano Comenencia in der 21. Minute. Ein Außenseiter, ein WM-Debütant, ein Ausgleich. Gegen Deutschland. Dass das passieren konnte, hat in den amerikanischen Sportredaktionen Fragen aufgeworfen, die Nagelsmann noch beantworten muss.
Argentinien hingegen interessierte sich weniger für die Schwächen als für die Symbolik. La Nación und Clarín betonten die historische Parallele – exakt zwölf Jahre nach 2014, exakt dasselbe Resultat. Für die argentinische Presse ist das ein psychologisches Signal: Deutschland startet mit maximalem Selbstvertrauen ins Turnier. Ob das gut oder schlecht ist, hat man dort nicht ausgeschrieben. Man weiß es.
Aus den Niederlanden kam das ehrlichste Urteil. De Telegraaf und Algemeen Dagblad sprachen von einem erwartbaren Klassenunterschied zwischen Fußballzwerg und DFB-Giganten – feierten aber ausdrücklich Comenencias historisches erstes WM-Tor der Karibikinsel. Der Brabanter schoss sich in die Geschichtsbücher seines Landes. Dick Advocaat hat verloren. Aber dieses eine Tor gehört nicht zur Niederlage.
Und Mexiko? ESTO und Mediotiempo würdigten den kämpferischen Auftritt Curaçaos in Hälfte eins. Mutig, kompakt, unangenehm. Dann kam die zweite Hälfte, und Deutschland erledigte die Sache so gründlich, dass vom Widerstand nichts übrig blieb. Erdrückende Dominanz – das war der Satz, den mehrere mexikanische Medien wählten. Er trifft es.
Die Wahrheit nach diesem Auftakt: Deutschland ist angekommen bei der WM 2026. Nagelsmann hat seine Mannschaft. Die Offensive funktioniert. Aber wer das 1:1 gegen Curaçao nicht als Signal nimmt, lügt sich selbst an – und das tut Nagelsmann mit Sicherheit nicht.