Nagelsmann geht hier ein kalkuliertes Risiko ein. Neuer bei einer WM – das ist Erfahrung, die man nicht kaufen kann. Aber körperlich muss er liefern. Das Turnier wartet nicht auf Legenden.
Neuer ist zurück – Baumann muss sich hinten anstellen
Die größte Personalie ist gleichzeitig die überraschendste: Manuel Neuer kehrt zurück. Der 40-Jährige, der nach der Heim-EM 2024 seinen Rücktritt erklärt hatte, soll nach übereinstimmenden Medienberichten als Nummer eins zur WM 2026 fahren. Oliver Baumann, der die Torhüterposition in den vergangenen Monaten souverän ausgefüllt hatte, wurde laut Sky und ran telefonisch darüber informiert, dass er ins zweite Glied rückt. Jonas Urbig soll als dritter Keeper mit dabei sein – primär als Trainingspartner.
Nagelsmann hat sich damit für Erfahrung entschieden. Neuer kennt Turniere, kennt Druck, kennt die K.o.-Runden. Gleichzeitig wurde er beim letzten Bundesliga-Spieltag gegen den 1. FC Köln vorsichtshalber ausgewechselt – leichte Wadenprobleme. Wie fit er wirklich ist, wird sich in Nordamerika zeigen. Die Entscheidung trägt jedenfalls den Stempel Nagelsmanns: mutig, manchmal eigenwillig, selten ohne Diskussionsstoff.
Robert Andrich ist nicht dabei. Der Leverkusener Mittelfeldspieler, der bei der Heim-EM noch jede Minute auf dem Platz stand, hat seinen Platz im Kader verloren – ebenfalls per Telefon, ebenfalls ohne große Vorwarnung. Auch Tim Kleindienst von Borussia Mönchengladbach erhielt eine Absage. Nagelsmann macht Platz. Für wen, das ist die eigentliche Geschichte.
Zwei Teenager auf dem Weg nach Nordamerika
Der Bundestrainer setzt auf Jugend – konkret auf zwei Namen, die vor wenigen Monaten noch kaum jemand auf dem Zettel hatte. Lennart Karl, 18 Jahre alt, FC Bayern München, debütierte erst im März gegen die Schweiz in der Nationalmannschaft. Said El Mala vom Zweitligisten 1. FC Köln steht ebenfalls unmittelbar vor seiner ersten WM-Nominierung. Nagelsmann sieht in beiden die Joker für ein Turnier, das körperlich und taktisch höchste Anforderungen stellt.
Das ist kein Zufall. Nagelsmann hat in den vergangenen 48 Stunden bis zu 62 potenzielle Kandidaten telefonisch kontaktiert – eine Hausnummer, die zeigt, wie akribisch dieser Kader zusammengestellt wurde. Kritik daran, dass die offizielle Bekanntgabe ausgerechnet kurz vor dem DFB-Pokalfinale stattfindet, kommt von Lothar Matthäus und Philipp Lahm. Zu spät, zu unruhig – so der Tenor.
Hinzu kommt ein weiterer Rückschlag: Anton Stach von Leeds United fällt verletzungsbedingt aus. Das Mittelfeld muss also neu sortiert werden – ohnehin schon geschwächt durch den langfristigen Ausfall von Marc-André ter Stegen.
Deutschland fährt zur WM 2026 mit einer Mischung aus Erfahrung und Experiment. Morgen werden die letzten Lücken gefüllt. Die Spannung ist real.