Deutschland reist mit breiter Brust in die USA – aber genau das kann gefährlich werden. Wer im letzten Test zu entspannt auftritt, zahlt beim Turnier den Preis. Ich erwarte einen DFB, der Vollgas gibt.
Acht Siege, ein Selbstbewusstsein – und endlich Havertz
Die Ausgangslage könnte für die Nationalmannschaft kaum besser sein. Acht Siege in Serie. Zuletzt ein klares 4:0 gegen Finnland in Mainz. Die Stimmung im DFB-Lager ist entspannt – professionell entspannt, nicht sorglos. Das ist ein Unterschied, den Nagelsmann seit Monaten kultiviert.
Samstagabend (20:30 Uhr MESZ, RTL) kommt Kai Havertz dazu. Der Offensivstar fehlte beim Finnland-Spiel noch, gegen die USA soll er in die Startelf. Joshua Kimmich hat auf der Pressekonferenz klar gemacht, was das bedeutet: Havertz bringe ein „besonderes Paket” mit – Variabilität, die diesem System fehlt, wenn er nicht spielt. Kein Schönreden. Eine nüchterne Einschätzung des Kapitäns, die zeigt, wie zentral der Arsenal-Profi für Nagelsmanns WM-Plan ist.
Chicago war kein Zufall als Standort für das Trainingslager. Sechs Tage, um den Jetlag wegzutrainieren, um sich an die Sommerhitze Nordamerikas zu gewöhnen, bevor am Montag das endgültige Base Camp in Winston-Salem bezogen wird. Die Logistik ist Detailarbeit. Und Nagelsmann ist jemand, der Detailarbeit ernst nimmt.
Pochettinos USA: Europäisch geprägt, taktisch noch im Aufbau
Der Co-Gastgeber hat seinen 26-Mann-Kader Ende Mai in New York präsentiert. Mauricio Pochettino, der neue Mann auf der Bank, setzt auf ein interessantes Mischverhältnis: MLS-Spieler für die Atmosphäre, Europa-Legionäre für die Substanz.
Christian Pulisic ist gesetzt. Der AC-Mailand-Profi ist das Gesicht dieser Mannschaft – extrem dynamisch, erfahren auf höchstem Niveau, gefährlich in jedem Eins-gegen-eins. Im zentralen Mittelfeld bilden Weston McKennie und Tyler Adams das physische Gerüst: Adams räumt defensiv ab, McKennie treibt das Spiel nach vorne, immer mit Torabschluss im Hinterkopf. Das wird keine angenehme Partie für Kimmich und Andrich.
Aus der Bundesliga sind Malik Tillman von Bayer Leverkusen sowie Joe Scally und Gio Reyna von Borussia Mönchengladbach dabei. Spieler, die das deutsche Spiel kennen. Das macht sie nicht gefährlicher – aber auch nicht leichter einzuschätzen.
Wo die USA verwundbar sind – und wie der DFB das nutzen muss
Pochettino presst hoch. Das ist seine Handschrift, das war es bei Tottenham, bei PSG, bei Chelsea. Die USA werden versuchen, Deutschland im Aufbau unter Druck zu setzen und Fehler zu provozieren. Wer gegen dieses Pressing zu langsam denkt, steckt schnell im Chaos.
Die Antwort des DFB muss sein: schnelles Umschalten, direkte Verlagerungen auf Jamal Musiala und Florian Wirtz in den Halbräumen. Genau dort ist die US-Innenverteidigung angreifbar. Tim Ream ist 38 Jahre alt und bei Charlotte FC in der MLS tätig – kein Maßstab für Weltklasse-Tempo. Auston Trusty daneben ist solide, aber nicht unüberwindbar. Flaches, schnelles Kombinationsspiel durch die Mitte – und dann der direkte Ball hinter die Abwehrlinie. Das ist der Plan, den Nagelsmann im Kopf haben wird.
Was dieser Test wirklich bedeutet
Es ist ein Testspiel. Ergebnisse werden überbewertet, Verletzungen sind das Einzige, was wirklich zählt. Aber das stimmt nur zur Hälfte. Wer mit einem Sieg in das WM-Turnier geht, nimmt Schwung mit. Nagelsmann weiß das. Die Serie von acht ungeschlagenen Spielen ist kein Zufall – sie ist Kapital. Psychologisches Kapital für das erste Gruppenspiel am 14. Juni gegen Curaçao.
Auf dem Soldier Field geht es darum, dieses Kapital zu sichern. Und Havertz zu integrieren, bevor es ernst wird. Die Deutschland-WM 2026 beginnt nicht am 14. Juni. Sie beginnt diesen Samstagabend in Chicago.