Es gibt Kaderplätze, die sind Belohnung. Und es gibt Kaderplätze, die sind Botschaft. Leon Goretzkas Platz im 26-Mann-Kader von Julian Nagelsmann für die WM 2026 fühlt sich ein bisschen nach beidem an – und gleichzeitig nach keinem von beiden. Er ist dabei. Aber er spielt nicht. Zumindest nicht, wenn es Nagelsmann so entscheidet. Und Nagelsmann hat sich bislang sehr eindeutig entschieden.
Goretzka bei der WM 2026 ist wie ein Ferrari in der Tiefgarage. Alle wissen, dass er da ist. Niemand holt ihn raus. Und irgendwann fragt sich der Ferrari selbst, warum er eigentlich mitgefahren ist.
90 Minuten Zuschauer – gegen Finnland
Das erste Testspiel der deutschen Nationalmannschaft vor der WM 2026 – Gegner Finnland, kein Schwergewicht des Weltfußballs. Eine Partie, die so aussieht wie ein Schaufenster für all jene, die sich noch etwas beweisen müssen. Und was macht Leon Goretzka? Er sitzt. Die volle Spielzeit. 90 Minuten Tribüne, Thermoskanne, vielleicht ein bisschen Vereinzelt-Applaudieren.
Im zweiten Testspiel bekam er dann endlich etwas Spielzeit – aber die Botschaft war längst gesendet. Nagelsmann hat sich gemeldet, ohne ein Wort zu sagen. Und dann hat er es doch mit Worten bestätigt: “Leon könnte in 2024 viel weniger Einsätze erwartet haben. Aber ein Stammplatzkandidat ist er jetzt auch nicht.” Das ist diplomatisch formuliert. Und gleichzeitig die härteste Aussage, die ein Trainer über einen Kaderspieler treffen kann. Goretzka ist dabei – aber er ist nicht Teil des Plans.
Das Jahr, das ihn zurückwarf
Um zu verstehen, wie Leon Goretzka an diesen Punkt gekommen ist, muss man zurück ins Jahr 2024. Die Heim-Europameisterschaft – ein Schaufenster für jeden deutschen Spieler, eine Riesenchance, die eigene Klasse unter Beweis zu stellen. Goretzka? Nicht dabei. Der damalige Bundestrainer ließ ihn zu Hause. Die Begründung war klar: die Form bei Bayern München reichte schlicht nicht.
Und bei Bayern lief es zuletzt tatsächlich alles andere als rund. Goretzka, der einmal zusammen mit Joshua Kimmich als das Herzstück des deutschen Mittelfelds galt, verlor seinen Stammplatz. Er kämpfte, kam immer wieder zurück – aber die Selbstverständlichkeit, mit der er früher aufgestellt wurde, war weg.
Ist er nur ein Name auf der Liste?
Hier kommt die unbequeme Frage: Warum ist Goretzka überhaupt im Kader, wenn er nicht spielen soll? Die Antwort liegt wahrscheinlich in seiner Erfahrung, seiner Qualität für den Notfall und seiner Fähigkeit, auf verschiedenen Positionen im Mittelfeld eingesetzt zu werden. Nagelsmann schätzt Flexibilität. Goretzka kann das Spiel beruhigen, wenn es gebraucht wird.
Aber hier liegt auch die Tragik: Ein Spieler vom Format Goretzkas – WM-Teilnehmer, Champions-League-Sieger, jahrelanger Bundesliga-Stammspieler – reduziert auf die Rolle des Jokers. Wenn Deutschland ins Stocken gerät, wenn mehr Kampf und Robustheit gefragt ist, könnte genau der Mann auf der Bank zum entscheidenden Faktor werden. Die Frage ist nicht, ob er es kann. Die Frage ist, ob Nagelsmann es sich eingestehen wird, bevor es zu spät ist.