Die türkischen Fans sind optimistisch. Das sind sie immer. Das war 2008 so, das war bei der EM 2016 so, das war bei jedem Turnier so, bei dem die Türkei mitgemacht hat. “Dieses Mal wird es anders” – dieser Satz wurde auf Türkisch mehr ausgesprochen als jeder andere Satz in der Geschichte des internationalen Fußballs. Und trotzdem: Die Buchmacher sehen das etwas nüchterner.
Die Türkei ist bei jeder WM moralischer Weltmeister. Leider vergibt die FIFA den Pokal nicht für Optimismus, sonst hätten sie schon fünf davon.
Gruppe D: 6 Uhr, 5 Uhr, 4 Uhr morgens
Kommen wir zu den Spielzeiten. Die Türkei spielt ihr erstes Gruppenspiel gegen Australien am 14. Juni – Anpfiff in Vancouver: 6:00 Uhr morgens deutscher Zeit. Das zweite Spiel gegen Paraguay am 20. Juni in San Francisco: 5:00 Uhr. Und das Highlight: Gegen Gastgeber USA am 26. Juni in Los Angeles. Anpfiff: 4:00 Uhr morgens.
Vier Uhr. Morgens. Los Angeles. Gegen die Heimmannschaft. Das ist entweder die beste Idee für eine Shishabar-Sonderschicht oder die schlimmste Spielplanentscheidung für türkische Fans diesseits des Atlantiks. Wahrscheinlich beides. Natürlich werden sie aufbleiben. Die Frage ist nur, ob sie bis zum Abpfiff noch wach sind.
Was die Buchmacher sagen – und was türkische Fans hören
Bwin hat die Türkei als Weltmeister bei einer Quote von 100.00. Das entspricht einer Wahrscheinlichkeit von genau einem Prozent. Zum Vergleich: Die Wahrscheinlichkeit, dass es beim Spiel in Vancouver um 6 Uhr morgens in Deutschland regnet, ist statistisch höher.
Der Gruppensieg? Realistischer. Quote ~2.50, also rund 40 Prozent Chance. Das Achtelfinale ist drin. Danach wird es kompliziert. Als Gruppensieger oder Zweiter aus Gruppe D trifft die Türkei auf einen Gegner aus Gruppe C – und da wäre zum Beispiel Brasilien. Schöne Grüße aus dem Turnierbaum.
Arda Güler, Kenan Yildiz – echte Klasse, echte Erwartungen
Jetzt mal fair: Die Türkei hat tatsächlich Spieler, über die man reden muss. Arda Güler spielt bei Real Madrid – nicht als Lückenbüßer. Kenan Yildiz ist bei Juventus. Trainer Montella hat eine Mannschaft, die technisch besser ist als ihr Ruf. Das Problem ist nicht das Talent. Das Problem ist das, was zwischen dem Talent und dem Ergebnis liegt: die türkische Erwartungshaltung.
Seit dem Drittplatzierten der WM 2002 – das ist jetzt 24 Jahre her – wartet die türkische Fußballnation auf den nächsten großen Moment. Jedes Turnier wird als Schicksalsjahr verkauft. Keines wurde bisher eingelöst. Das Achtelfinale ist das realistische Maximum. Alles darüber ist Wunschdenken – und eine Quote von 100.00 sagt das ziemlich deutlich.
Das ehrliche Fazit
Die Gruppe ist machbar. Arda Güler kann in einem Spiel den Unterschied machen. Das Achtelfinale ist möglich. Aber dann kommt wahrscheinlich Brasilien oder Frankreich aus dem Turnierbaum – und der Traum endet, wie er immer endet: mit einer emotionalen Niederlage und der Ankündigung, dass es beim nächsten Mal besser wird.
Wenn die Türkei tatsächlich Weltmeister wird, essen wir diese Kolumne. Bis dahin gilt: 4 Uhr morgens, Los Angeles, und ein Team, das wieder mal denkt, es ist Favorit. Den Türkei-Kader im Detail gibt es hier. Den Wecker müsst ihr selbst stellen.