Sepp Blatter. Gianni Infantino. Zwei Namen, die den Weltfußball in den letzten drei Jahrzehnten geprägt haben – und über die kein anderes Thema so sehr spaltet wie die Frage: Hat hier irgendjemand wirklich den Fußball im Sinn? Oder geht es am Ende immer nur um Macht, Geld und Einfluss? Der Blick auf beide Karrieren liefert eine erschreckend ehrliche Antwort.
Die WM 2026 ist das bisher größte Turnier der Geschichte – 48 Teams, drei Gastgeberländer, ein kommerzielles Gigantprojekt. Infantino präsentiert es als seine Vision. Blatter hingegen warnt aus dem Ruhestand heraus immer wieder vor dem Ausverkauf des Spiels. Wer von beiden hat recht? Und noch wichtiger: Wem von beiden glauben wir überhaupt noch?
Ich sage es klar: Weder Blatter noch Infantino waren jemals primär Fußballmänner. Beide sind Politiker in Fußball-Kostüm. Der Unterschied? Infantino ist cleverer darin, es zu verbergen.

Blatter: Der Machtmensch, der sich als Fußballvater verkaufte
Joseph „Sepp” Blatter war von 1998 bis 2015 FIFA-Präsident – und in dieser Zeit wurde der Weltfußball zum globalen Milliarden-Business. Das ist zunächst neutral zu betrachten: Die WM ist heute das meistgesehene Sportevent der Welt, und das hat mit der Kommerzialisierung unter Blatter zu tun. Doch der Preis war hoch. Unter seiner Ägide wurde die FIFA zu einer Organisation, die mehr mit Korruptionsskandalen als mit Fußballentwicklung assoziiert wurde. Die Vergabe der WM 2022 an Katar ist bis heute das Symbol für alles, was unter Blatter falsch lief: Stimmenkauf, Schmiergelder, Hinterzimmerpolitik. Tausende Gastarbeiter starben beim Bau der WM-Stadien. Blatter selbst wurde 2015 wegen Pflichtverletzung und Korruption von der FIFA gesperrt.
Und doch – das ist die Perversität des ganzen Systems – gibt Blatter heute Interviews, in denen er sich als Mahner des Fußballs inszeniert. Er warnt vor Gier, vor Kommerzialisierung, vor dem Verlust der Seele des Spiels. Derselbe Mann, der das alles mitgebaut hat. Die Dreistigkeit ist beeindruckend.
Infantino: Der Lächler mit der Agenda
Gianni Infantino hat eine besondere Fähigkeit: Er lächelt, während er den Fußball umbaut. Seit 2016 im Amt, hat der Schweizer die FIFA von einem Korruptionssumpf in eine – zumindest oberflächlich – modernere Organisation verwandelt. Transparenz-Initiativen, mehr Geld für Entwicklungsländer, Reformen im Spielbetrieb. Klingt gut. Aber dann gibt es da auch das WM-Format mit 48 Teams, das viele Experten als Qualitätsverwässerung sehen. Den Umzug des FIFA-Hauptsitzes nach Saudi-Arabien – ein Land, in dem Homosexualität illegal ist und Menschenrechtsverletzungen dokumentiert sind. Die skurrile Rede beim G20-Gipfel 2022, in der er sich als schwarzen Mann, als armen Mann, als Migranten bezeichnete – und dabei im Maßanzug vor Staatschefs stand.
Infantino ist besser im Verpacken als Blatter. Er kommuniziert, er inszeniert, er ist medienaffin. Aber die grundlegende Frage bleibt dieselbe: Geht es hier um den Sport? Oder um eine persönliche Machtarchitektur, die zufällig Fußball als Vehikel nutzt?
Was beide gemeinsam haben – und warum das das eigentliche Problem ist
Blatter und Infantino sind Kinder desselben Systems. Beide haben gelernt, dass die FIFA nicht durch Fußballkompetenz regiert wird, sondern durch Allianzen, durch Versprechen, durch das Verteilen von Geld an kleinere Verbände im Tausch gegen Stimmen. Beide haben das Modell perfektioniert. Beide haben dabei das Spiel als Kulisse verwendet – als Bühne für ihre politischen Karrieren innerhalb der Sportbürokratie.
Das Traurige: Es geht nicht nur um zwei Personen. Es geht um ein strukturelles Problem. Die FIFA ist eine Organisation ohne echte demokratische Kontrolle, ohne echte externe Aufsicht. Nationale Verbände, die von Autokraten regiert werden, haben das gleiche Stimmrecht wie der DFB oder die FA. Das Ergebnis ist eine Organisation, die die Schwerkraft des Geldes und der Macht immer stärker anzieht – und den reinen Fußball immer weiter an den Rand drängt.
Warum die WM 2026 das perfekte Symptom ist
48 Teams. Drei Gastgeberländer. Mehr als 100 Spiele. Infantino verkauft das als Inklusion, als Entwicklung, als Demokratisierung des Weltfußballs. Und ja: Mehr Länder bekommen die Chance, an einer WM teilzunehmen. Das ist nicht nichts. Aber gleichzeitig werden Gruppenspiele inhaltlich entwertet, weil zu viele Mannschaften weiterkommt. Die sportliche Qualität der ersten Runden leidet spürbar. Und am Ende ist das entscheidende Argument für 48 Teams nicht die Fußballqualität – sondern die TV-Rechte, die Sponsoren, die Einnahmen. Die WM ist ein Produkt geworden. Infantino ist sein Marketing-Chef.
Fazit: Der Fußball braucht weder Blatter noch Infantino
Die Frage, wem es wirklich um den Fußball geht, lässt sich klar beantworten: keinem von beiden – zumindest nicht in erster Linie. Blatter hat das Fundament der heutigen Probleme gelegt. Infantino hat es weitergebaut und poliert. Was der Fußball braucht, ist nicht eine bessere Version dieser Machtmenschen, sondern eine fundamentale Reform der FIFA: echte externe Aufsicht, Transparenz bei Abstimmungen, klare Regeln gegen Interessenkonflikte. Bis das passiert, können wir die Spiele genießen – und dabei immer wissen: Was in den Hinterzimmern der FIFA passiert, hat mit dem Fußball auf dem Platz herzlich wenig zu tun.
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