Wer Frankreich in der Generalprobe schlägt, reist nicht als Punktelieferant zur WM. Die Elfenbeinküste ist für mich der gefährlichste Gegner, den Deutschland in der Vorrunde haben kann – gefährlicher als jeder Südamerikaner auf dem Papier.
Elfenbeinküste schlägt Frankreich: Was dieser Sieg wirklich bedeutet
Es war kein Zufallsergebnis. Frankreich bot eine hochkarätige Formation auf – kein reines Experimentierfeld, kein Schongang. Die Elfenbeinküste spielte dagegen wie ein Team, das seinen Moment kennt. Physisch dominant. Kompakt in der Defensive. Gnadenlos im Konter. Rayan Cherki traf zwischenzeitlich zum Ausgleich für die Franzosen – doch die Ivorer ließen sich nicht beirren. Diallo machte den Deckel drauf.
Wer das gesehen hat und danach behauptet, Deutschland fahre als klarer Favorit in dieses Gruppenspiel, lügt sich ein bisschen an.
Die Wahrscheinlichkeitsmodelle sagen: 62,7 Prozent Siegchance für den DFB, 15,7 Prozent für die Elfenbeinküste. Schön. Statistiken können rechnen. Fußball aber passiert auf Rasen – und auf dem Rasen hat dieses ivorische Team gerade bewiesen, dass es Weltklasse-Defensive aushebeln kann. Die französische ist sicher nicht schlechter als die deutsche.
Nagelsmann und die WM-Gruppe E: Demut ist keine Schwäche
Die Ausgangslage für Deutschland in Gruppe E war auf dem Papier komfortabel. Curaçao zum Auftakt, 14. Juni. Dann die Elfenbeinküste, 20. Juni in Toronto. Zum Abschluss Ecuador. Drei Siege, Gruppensieg, weiter. So lautete der Plan, unausgesprochen.
Der Plan ist nicht falsch. Er ist nur gefährlicher geworden.
Denn die Elfenbeinküste ist in diesem Moment das formstärkste Team der Gruppe – mit Abstand. Sie hat Rückenwind, Selbstvertrauen und Argumente. Deutschland hingegen spielt seine Generalproben gegen andere Gegner, mit anderen Erkenntnissen. Was Julian Nagelsmann jetzt auf dem Tisch hat: Videomaterial einer Mannschaft, die Frankreich komplett durchgespielt hat. Das ist Anschauungsunterricht auf absolutem Topniveau.
Die eigentliche Frage ist keine Favoritenfrage. Die eigentliche Frage ist, ob der DFB bereit ist, die Elfenbeinküste so zu behandeln, wie sie es verdient – als vollwertigen Gegner auf Augenhöhe, nicht als lästige Pflichtaufgabe zwischen Curaçao und Ecuador. 62,7 Prozent klingt beruhigend. Paris klingt nach einer anderen Geschichte.