Wenn ein Routinier mit über 60 Länderspielen in der Nacht der Nächte den Kopf einzieht und stattdessen ein Tah anläuft, der noch nie einen Elfer geschossen hat, dann ist das keine Randnotiz. Dann ist das eine Charakterfrage.

Goretzka und der Elfmeter, den Tah schießen musste
Die Fakten der Nacht von Foxborough: Deutschland verliert das Elfmeterschießen gegen Paraguay mit 3:4. Den entscheidenden sechsten deutschen Versuch jagt Jonathan Tah über die Latte – ein Innenverteidiger, der in seiner gesamten Profikarriere zuvor keinen einzigen Strafstoß geschossen hatte. Goretzka? Stand als drittletzter Schütze auf der Liste. Nicht als sechster. TV-Bilder aus dem Mittelkreis warfen anschließend die Frage auf, ob der Münchner die Übernahme eines Elfmeters abgelehnt hat. Eine Antwort gab es nie. Weder vom Spieler noch vom Verband.
Genau das macht die Sache so unangenehm. Ein klares Dementi hätte fünf Sekunden gedauert.
Dazu passen die Schilderungen aus dem Teamumfeld: Goretzka, unter Nagelsmann zur zweiten Geige hinter Felix Nmecha degradiert, soll die Reservistenrolle nie akzeptiert haben. Drei Joker-Einsätze in vier Spielen – für einen Spieler mit seinem Ego offenbar eine Zumutung. Statt die Kabine mitzureißen, so heißt es, zog er sich zurück. Miese Laune als Dauerzustand.
Vereinslos und am Pranger – wer zahlt jetzt noch?
Das Timing könnte kaum schlechter sein. Seit dem 1. Juli ist Goretzka vereinslos, sein Vertrag beim FC Bayern lief nach acht Jahren aus. Vor der WM galt der AC Milan als heißester Anwärter, ein Dreijahresvertrag über kolportierte fünf Millionen Euro pro Saison lag angeblich fast unterschriftsreif auf dem Tisch. Jetzt sondieren die Interessenten neu – und die Frage lautet nicht mehr nur, was Goretzka sportlich noch bringt, sondern ob man sich einen Spieler ins Gebäude holt, der bei Gegenwind dichtmacht.
Zwölf Millionen Euro Marktwert, ablösefrei, WM-Erfahrung. Auf dem Papier ein Schnäppchen. Auf dem Rasen von Foxborough sah das Papier allerdings ziemlich zerknittert aus.